Der deutsche Hang zur Grundsätzlichkeit verleitet uns zuweilen zu einer Verkennung des grundsätzlich Bedeutungsvollen. Wenn man die Parlamentsdebatte über die Frage eines deutschen Sicherheitsbeitrages überprüft, findet man, daß die Auffassungen von Regierung und Opposition in den grundsätzlichen Punkten nicht so weit voneinander entfernt sind, wie es mancher Oppositionssprecher zur Zeit in den Wahlversammlungen glaubhaft machen möchte. Adenauer wie Schumacher – um die beiden Namen für die von ihnen repräsentierten Richtungen zu nehmen – sind sich der Notwendigkeit militärischer Vorkehrungen gegen die russische Gefahr bewußt. Beide erkennen die Unvermeidbarkeit eines deutschen Beitrages an. Beide binden ihn an die Bedingung der Gleichberechtigung und der Berücksichtigung unseres durch Kriegs- und Nachkriegsfolgen zerrütteten Sozialgefüges. Beide verlangen eine militärisch starke Abwehrfront der Alliierten als Voraussetzung für eine erfolgversprechende deutsche Beteiligung. Zu der grundsätzlichen Frage: „Sicherheitsbeitrag der Bundesrepublik oder nicht?“ sagen also beide „ja“.

Allerdings über den Termin und die Verhandlungsmethode gehen ihre Ansichten auseinander. Vor nicht zu langer Zeit war dies anders, oder es schien wenigstens anders zu sein. Damals war auch der Bundeskanzler für eine fast demonstrative Zurückhaltung in der Wiederbewaffnungsfrage. Die Gründe seiner seitherigen Meinungssänderung sind zum Teil bekannt, zum Teil vermutbar. Er befürchtet das Aufkommen eines amerikanischen Desinteressements an Europa im allgemeinen und Deutschland im besonderen, wenn die großen militärischen Anstrengungen der Vereinigten Staaten hier einen zu geringen Willen zu einer unseren Kräften entsprechenden Mithilfe auslösen sollten. Schumacher hält die Eventualität eines amerikanischen Abschwenkens unter den gegebenen Umständen für mindestens unwahrscheinlich. Aus dieser Überzeugung resultiert sein vorläufiges „Nein“. Er glaubt, durch die Vermeidung jeder scheinbar eiligen Geste die Gegenseite zu rascheren und größeren Zugeständnissen an die Bundesrepublik nötigen zu können. Adenauer hofft, von vornherein optimistisch mitmarschierend, durch die Gunst der dann unaufhaltsamen politischen Entwicklung mindestens ebenso sicher, ja vielleicht schneller, an das gleiche Ziel zu kommen.

Beide, Adenauer wie Schumacher, lassen die Möglichkeit russischer Präventivmaßnahmen nicht außer Betracht, aber sie überschätzen sie nicht. Schumacher allerdings erklärt, wir könnten uns nicht die angelsächsische Spekulation auf die „letzte Schlacht“ zu eigen machen, weil sich unser Schicksal in der ersten entscheiden würde. Adenauer glaubt, daß wir, wenn es überhaupt jemals zu dieser ersten Schlacht kommen sollte, mit alliierter Hilfe stark genug für sie wären, auch wenn dies nicht vorher Punkt für Punkt in einem Vertrag festgelegt wird, den er wohl mit einer solchen Präzisierung zur Zeit für unerreichbar hält.

Diese Meinungsverschiedenheiten über die politische Methode werden im Volk kaum verstanden. Nur allzu viele glauben, in den sozialdemokratischen Vorbehalten ein prinzipielles „Nein“ auf die Frage nach einem deutschen Verteidigungsbeitrag und damit eine Bestätigung ihres den Sachverhalt vereinfachenden Standpunktes „Ohne mich“ zu hören. Sie bedenken nicht, daß der einmarschierende Stalin ihrem „Ohne mich“ rasch einen anderen Sinn geben würde. Nämlich: „Genosse, du hast die Rechnung ohne mich gemacht, ich aber brauche dich, sei es in der Roten Armee oder in Sibirien.“ Wer jedoch zu diesen schrecklichen Eventualitäten „Ohne mich“ sagen will, darf es nicht zu dem Appell an seine Abwehrbereitschaft tun.

R. S.