Der Goethe-Preisträger 1950 muß nach Hamburg statt nach Frankfurt reisen. Angeblich war es vor allem eine Geldfrage, die den Magistrat der Geburtsstadt des „Olympiers“, auf die ihm seit 1947 zustehende Ehre, die höchste deutsche Literaturauszeichnung zu vergeben, verzichten ließ. Ein Glück jedenfalls, daß ein ungenannter Hamburger Stifter einsprang.

Carl J. Burckhardt wird es verschmerzen, wenn das geistige Deutschland ihm am 29. November nicht in der Paulskirche, sondern im Festsaal des Hamburger Rathauses empfängt, in dem vor nicht langer Zeit kurz nacheinander Ortega y Gasset, Toynbee und Eliot zu Gast waren; Auf Repräsentation hat er nie großen Wert gelegt. Die einzige Würde, die dem aus alter Basler Patrizierfamilie Stammenden am Herzen liegt, ist die des Privatmannes. Pathetisch gesprochen: die desMenschen. Aber Pathos ist ihm so fremd wie die Bekenntnisfreude des Dogmatikers. „Jede Abstraktion“, sagte er einmal, „hat etwas Tödliches an sich.“ Das war im Kriege. 1944. Im gleichen Jahr warnte er die Studenten seiner Heimat vor der kalten Methodik der terribles simplificateurs, die schon sein Großonkel, Jakob Burckhardt, als Erbfeinde der Toleranz und der Humanität verabscheut hatte. Wie kaum ein zweiter ist er in seinem vielschichtigen Empfinden und mit seiner universellen Bildung zu solcher Warnung legitimiert.

Carl Burckhardt war der letzte Hohe Kommissar des Völkerbundes in Danzig. Bis zum Ausbruch des Krieges hat. er dort an einem Brennpunkt des damaligen Europazwischen den Fronten gestanden, gewissermaßen als der letzte Neutrale – von Deutschen und Polen gleichermaßen geachtet. Als 1939 seine Mission in Danzig ein plötzliches Ende fand, widmete er sich in seinem Heimatland ganz der Aufgabe des internationalen Roten Kreuzes, das ihn gegen Kriegsende zu seinem Präsidenten wählte. Längst galt er als ein Symbol des Ausgleichs und der Versöhnung. Die Hysterie des Massenwahns hatte er schon früh als die verzehrende Seuche dieses, Jahrhunderts erkannt, in Kleinasien, während des Griechenmassakers von 1922/23. Es war seine erste Mission im Auftrage des Genfer Hilfswerkes. Damals schrieb er sein erstes Buch: die „Kleinasiatische Reise“.

Rilke, an dessen Freundschaft sein „Vormittag beim Buchhändler“ erinnert, rühmte dieses Buch als das Werk eines „Handelnden und Erlebenden“ Ein Stichwort, das auf Burckhardt besser als alle Klassifizierungen zutrifft. Das extreme (und gesunde) Gegenbeispiel eines Spezialisten, sprengt er jedes Karriere-Schema. Nach Danzig ging er als der berühmte „Richelieu“-Biograph. Bis vor Jahresfrist vertrat der ehemalige Professor für neuere Geschichte in Zürich und Genf, der in München und Göttingen studiert hatte, sein Land – ursprünglich auf ausdrücklichen Wunsch de Gaulles – als bevollmächtigter Gesandter am Quai d’Orsay. Politik war für ihn, mit einem Wort Grillparzers, dem er eine souveräne Studie widmete, nie etwas anderes als „die Kunst des Umgangs auf einer höheren Ebene“. Wenn Vertrauen noch eine Macht vorstellt, dann ist er nicht nur einer ihrer prominentesten, sondern auch nobelsten Vertreter. Frankreichs letzter Vorkriegsbotschafter in Warschau, Léon Noel, empfahl, ihn als Prototyp des unantastbaren Schiedsrichters in das Pariser Institut de sciences morales et politiques aufzunehmen.

Seine „Erinnerungen an Hofmannsthal“ zählen zu dem Schönsten, was über den Dichter des „Turm“ gesagt wurde. Über sich selbst hat er nie geschrieben und doch finden wir sein Bild wieder in einem Essay, den er über den honnête komme, das Elite-Ideal des 17. Jahrhunderts, schrieb. Jüngst allerdings vollendete er, im Altervon nunmehr 59 Jahren, seinen ersten Roman: ein Stück Zeitgeschichte von 1890 bis 1918. Vielleicht auch ein Stück des eigenen Lebens. Ein Weltmann, sagte man vor dreißig Jahren. Einer der letzten Europäer muß man heute sagen. Aber Burckhardt liebt keine Schlagworte. Er verabscheut sie. Er hielt sich immer bereit. Das ist alles. Für den Frieden, für die Verständigung. Für die praktische Hilfe im Dienst der Menschlichkeit. –sé