München, im November

Ein neues Stück vorher gelesen zu haben, bedeutet in der Aufführung selbst immer eine gute Lehre. Man erfährt nämlich wieder einmal, was für Zauberer die Regisseure sein können und daß sie etwas zu sehen und zu hören vermögen, was anderen Lesern verborgen bleiben soll. Nicht alle übrigens, denn Marie Luise Fleissers Komödie „Der starke Stamm“ liegt schon seit rund fünf Jahren vor. Hans Schweikart aber, der sie in den Kammerspielen in München mit großem Erfolg uraufgeführt hat, besitzt offenbar Augen und Ohren von dieser Beschaffenheit.

Ein Satz zum Beispiel mit der schlichten Aussage, das Leben sei beschissen, scheint bei der Lektüre weder seiner trübseligen Erkenntnis noch seiner Formulierung nach besonders bemerkenswert. Doch gerade ihn bedankten die Zuschauer mit beglücktem Beifall bei offener Szene. Sie schrien am liebsten da capo, so unsäglich hat er sie vergnügt. Es liegt einzig daran, wie ein Satz dieser Art gebracht wird. Geschieht es richtig, dann kann es auch von ihm wie von dem plötzlichen Licht einer lang gesuchten Wahrheit aufleuchten. Auch etwas von dem Geheimnis der Kunst überhaupt kann er dann offenbaren. Schiller hat sie, im Gegensatz zum ernsten Leben, Ausdrücklich heiter genannt. Er meinte damit „war keineswegs, daß sie etwas zum Lachen sei, sondern daß ihr die heitere Freiheit des Spiels zugehöre Aber die besondere Kunstform der Komödie hat es wirklich mit dem Lachen zu tun. Es ist das Lachen über uns selbst, auch wenn sie von anderen Leuten handelt, die obendrein meistens nicht einmal etwas zu lachen haben.

Denn was uns die Fleisserin aus Ingolstadt vom starken Stamm der Niederbayern mit ansehen läßt, ist nicht gerade fidel und erst recht nicht erbaulich. Sie kennt nämlich ihre Landsleute sehr genau. Daß auch Habgier, Niedertracht, Eigennutz, Grobheit, Unbarmherzigkeit und eine hanebüchene Lebensnüchternheit in überaus starken Portionen dazugehören, ist freilich nicht stammesgebunden, und viel Staat sollte eigentlich nicht damit zu machen sein. Aber diese Komödienschreiberin weiß ihn eben damit zu machen, auf eine so unwiderstehlich komische Art, daß die Zuschauer vom Leichenschmaus zu Anfang bis zum etwas bitterlichen Happy-End aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. Sie bringt es mit Hilfe der Mundart fertig. Das sicherte ihr in München den besonderen Dank eines wie nirgends sonst kennerischen Publikums.

Es gibt in der bayerischen Mundart eine Fülle von Floskeln, Wendungen und Anreden der herzhaftesten und der galligsten Art. Eine bäuerlich unbestechliche Anschauungsweise des Lebens findet darin einen Ausdruck von wunderbar versöhnlicher Bildhaftigkeit. Auch ein noch ungeprägten und offenbar unerschöpflicher Vorrat davon ruht als stets, verfügbarer Schatz noch immerfort in ihr verborgen wie der goldene Blitz in der Wolke. Aber nicht jeder weiß ihn am rechten Ort und zur rechten Zeit niederfahrer zu machen. Geschieht es aber, wie in den knappen, prallen Dialogen dieser Komödie, dann erlebt der Zuhörer ein Glück besonderer Art. Er hat es nämlich auch gewußt, daß es jetzt so kommen und heißen mußte, so und nicht anders, wenn es ihm auch jetzt erst einfällt. Darum fühlt er sich, wie es im Theater sein soll, von vornherein als mit dazugehörig, es ist seine eigene Sache, die hier verhandelt wird. Das kann im Glücksfall auch das Leid der Iphigenie sein oder die Todesangst des Prinzen von Homburg. Aber hier sind es nun einmal der Sattlermeister Bitterwolf und Balbina Buhlheller, seine heirats- und erwerbswütige Schwägerin, von Adolf Gondrell und Therese Giese unvergleichlich vorgestellt. Ihrem Klemmen und Nöten blühen nun, wie denen der übrigen starken Stämmlinge in Bitterwolfs Wohnstube, schon aus der Gemeinsamkeit der Sprache, die ja am leichtesten auch gemeinsames Denken und Empfinden bewirkt, tiefes Verstehen und Mitfühlen, ja Erbarmen entgegen. Die aber gehören zur echten Komödie. Paul Alverdes