Von Josef Marein

Was ist die Ursache, die dem Prozeß gegen Dr. Corten vor der II. Strafkammer des Hamburger Landgerichtes so viel Aufsehen verschaffte, daß man nicht Straßenbahn, nicht Eisenbahn fahren kann, ohne aus den Gesprächen ringsum die Worte zu hören: "Dr. Corten ... Dr. Corten ..."? Die Anklage lautet auf Freiheitsberaubung. Ein Wort, das alle berührt! Denn welcher Deutsche ist in den Jahren des Krieges und danach nicht zuzeiten seiner Freiheit beraubt gewesen! Daneben sind es die Umstände des Prozesses, die Sensation erregten. Und keines Drehbuchautors Phantasie könnte übertreffen, was die Wirklichkeit hier darzubieten hat. Denn hier erscheinen sie vor Gericht, die Gestalten, die sonst der Film so gern dem Publikum vor Augen führt: Medizin-Professoren mit berühmten Namen, die bemüht sind, zeitweilig verzweifelt bemüht, schwierige wissenschaftliche Fragen verständlich zu erläutern. Erlebt man dabei die Reaktion des dichtgedrängten Publikums im Gerichtssaal, so scheint es zuweilen, als seien auch sie die Professoren, und nicht nur Dr. Corten, angeklagt. Dann spürt man deutlich –: Es sitzt dem Publikum nicht bloß die Sensation, es sitzt ihm die Angst im Nacken, die ohnehin schon durch moderne Filme und Romane genährte Angst vor der snake pit, der "Schlangengrube", dem Irrenhaus –

Das Schicksal einer bedauernswerten, armen Frau wollte es, daß hier ein tiefernstes medizinisches und juristisches Problem vor aller Öffentlichkeit mit all jenen Begleiterscheinungen und menschlichen, allzu menschlichen Motiven abgehandelt wird, die sonst zu den Zutaten eines gängigen Films gehören: Dr. med. Martin-Heinrich Corten, namhafter Arzt, schlank, mit geistvollen Zügen, steht im Verdacht, seine Frau Lena, ein stilles, duldsames Menschenwesen, dreimal in Pflegestätten für Geisteskranke gebracht zu haben, um ihrer ledig zu werden. Dabei hatte er mit dieser Frau fünfzehn Jahre hindurch in glücklicher Ehe gelebt, und sie hatte treu zu ihm gehalten in all der Zeit, da er dauernd in Gefahr schwebte, weil er nach den Nazi-"Gesetzen", obwohl christlicher Religion, ein "Volljude" war. Die Trennung kam, als eine Rivalin auftauchte: Frau Felicitas Rudolphi, genannt "Fee", eine Dame, elegant in ihrer Erscheinung auch noch vor Gericht. Frau "Fee" hat eine Stiefmutter: diese hält, als Zeugin aufgerufen, nicht zu ihr, sondern zu Frau Corten; er, Corten, hat aus erster Ehe einen Sohn: er hält zu seiner Stiefmutter, nicht zum Vater. Das Ehepaar Corten hat ein Kind, die zehnjährige Beate –: es ist Frau Rudolphi, die im Hause Cortens die kleine Beate in ihrer Obhut hat. Die Mutter, dreimal ins Irrenhaus geschickt, sehnte sich vergeblich nach ihrem Kind. Längst ist sie frei. Aber was ist das für eine Freiheit! Sie lebt allein; eine Welt ist ihr zerbrochen. Wenn sie tatsächlich Schaden an Geist und Seele genommen hätte – ein Wunder wäre es nicht! Immerhin sprach sie vor Gericht Sätze, die sich als Aphorismen eines geistvollen Spötters gut ausnehmen würden: "Beweisen Sie einmal einem Psychiater, daß Sie nicht irre sind!" oder: "Was sollte ich tun? Hätte ich auf den Tisch geschlagen, so wäre ich manisch, hätte ich geschwiegen, so wäre ich depressiv gewesen!"

Diese Worte kursieren heute in Deutschland, und es ist wohl möglich, daß mancher Nervenarzt sie noch von einem unzufriedenen Patienten oder dessen Angehörigen wird zitiert hören müssen Andererseits: Bevor eine Ehe endet, die schließlich so belastet war wie die der Cortens, pflegen die Nerven beider Partner, auch die des Ehemannes, über das erträgliche Maß hinaus gespannt zu sein. Und wirklich drückte eine Ärztin, die als Zeugin geladen war, auch Zweifel an der geistigen Gesundheit Dr. Cortens aus. Alles dies aber betrifft das Menschliche, das allzu Menschliche, und geht nur die Beteiligten und – das Gericht an, dessen Vorsitzender, Landgerichtsdirektor Valentin, mit bewundernswerter Behutsamkeit bemüht ist, sowohl die Fäden menschlicher Wirrnis zu ordnen als auch ins Gebiet einer Wissenschaft sich vorzutasten, das heute noch in mancher Hinsicht ein terra incognita ist: das Gebiet der Geisteserkrankungen. Dies eine Tatsache übrigens, die zum Unheil der Allgemeinheit oft den Unberufenen Gelegenheit gibt, sich in pseudo-wissenschaftlichen Spekulationen leichtsinnig zu äußern. Zum Schaden der Psychiater und Nervenärzte, zum Schaden der Ärzte überhaupt und schließlich zum Schaden der Patienten selbst, die eines zur Gesundung brauchen: Vertrauen zu denen, von denen sie geheilt werden sollen!

Ob Frau Corten geisteskrank war, als sie auf den Antrag des Psychiaters Dr. Corten, ihres Mannes, und auf Anweisung des behandelnden Facharztes, des Professors Bürger-Prinz, in die Klinik gelangte – diese Frage ist das Kernproblem des Prozesses. Bürger-Prinz und die anderen Prominenten des Faches sagen: Ja, sie war krank! Aber der unvermeidliche Gang des Prozesses brachte Umstände zutage, die gewiß zum Teil von sekundärer Bedeutung waren, jedoch das Publikum, darunter auch Ärzte, glauben machten: Nein, sie war gesund! Sollte dem so sein, dann hätten die Fachärzte, an ihrer Spitze Prof. Dr. Bürger-Prinz, der Direktor der Psychiatrischen Universitäts-Klinik zu Hamburg-Eppendorf, sich der Fehldiagnose "schuldig"gemacht, Dr. Corten aber, falls er die Wahrheit wußte und sie fälschte, der Freiheitsberaubung, eines Verbrechens also, für das der Paragraph 239 des Strafgesetzbuches eine Zuchthausstrafe bis zu zehn Jahren vorsieht...

Doch dies betrifft den Einzelfall, den "Fall Orten", die Sensation. Etwas anderes, etwas Wichtigeres aber steht auf dem Spiel: Die Angst und ihre Überwindung. Der Prozeß Corten nämlich hat vor aller Öffentlichkeit auf eine seltsame und gefährliche Tatsache hingewiesen –: auf die Tatsache, daß die Anordnung eines Psychiaters genügt, einen Menschen in eine geschlossene Klinik einzuweisen. Und ganz unabhängig davon, was im Falle Corten Recht oder Uirecht sein mag, ist dieser Tatbestand grotesk und unhaltbar. Er bedarf einer Regelung durch das Gesetz, und dies zum Schutz der Patienten und – der Ärzte!

Das Groteske der bisherigen Regelung dürfte folgende Überlegung klarmachen –: Wenn ein Mörder oder Einbrecher seiner Freiheit auf kürzere oder längere Zeit beraubt werden soll, dann bietet der Staat einen großen Apparat auf, der jedes Detail des Verbrechens, aber auch die materiellen und psychischen Verhältnisse des Angeklagten bis auf den Grund prüft. Wenn aber ein unschuldiger, armer Mensch, der den Eindruck erweckt, geistig nicht normal zu sein, seiner Freiheit beraubt werden soll, dann genügt die Anweisung eines Psychiaters vollkommen. Damit sei gegen die Fähigkeiten der psychiatrischen Sachverständigen, die allerdings eine noch verhältnismäßig wenig fortgeschrittene Wissenschaft vertreten, gar nichts gesagt. Wer jedoch dem Sachverständigen, nämlich dem Psychiater, die Kompetenz der Entscheidung über die Freiheit eines Menschen erteilt, der könnte mit der gleichen Berechtigung einem Kriminalkommissar, der auf dem Gebiete der Mordaufdeckung ein ebensolcher Fachmann ist wie der Psychiater auf dem Gebiete der psychischen Funktionen, die Erlaubnis geben, ohne Richter, ohne Verteidiger, ohne Verhandlung das Urteil gleich an Ort und Stelle zu sprechen und zu vollziehen. Und dies sogar dann, wenn noch gar kein Mord geschehen ist, sondern nur Anzeichen vorhanden sind, es könnte in Zukunft gemordet werden. Das ist gelinde gesagt, unmöglich.