Mit besonderer Freude haben wir vernommen, daß zwei deutsche Forscher, Professor Diels in Kiel und Professor Alder in Köln, für ihre grundlegenden Forschungen auf dem Gebiete der organischen Chemie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Die wohl wichtigste Entdeckung dieser beiden Chemiker, die sie vor fast 25 Jahren machten, war die Diensynthese. Seit dieser Zeit hat sich eine ungeheure Fülle von Anwendungsmöglichkeiten ergeben, nicht nur auf rein wissenschaftlichem Gebiet, sondern auch in der Technik.

Unter der Diensynthese versteht man die Zusammenlagerung ungesättigter Kohlenstoffverbindungen zu neuen ringförmigen Verbindungen. Gerade diese konnten bisher nur schwierig aufgebaut werden. Ungesättigte Verbindungen sind solche, die noch nicht die größtmögliche Anzahl von Atomen enthalten, das heißt: die noch weitere aufnehmen können. Es gehören hierher das Acetylen und das Butadien, der Baustein des synthetischen Kautschuks Buna. Die ungesättigten Verbindungen haben nun das Bestreben sich abzusättigen, wobei sie sich gleichzeitig stabilisieren. Dieses zeigt sich einmal in ihrer Fähigkeit, sich zu podymerisieren. Hier Lagern sich sehr viele Moleküle zu einer Kette aneinander, es entstehen die bekannten Kunststoffe; oder aber es treten nur zwei Moleküle zu einem Ring aus sechs Kohlenstoffatomen, zusammen, und das ist die Diensynthese. Dabei beteiligen sich die Moleküle aber nicht gleichartig, sondern eins liefert vier Kohlenstoffatome zum Ring und das andere nur zwei. Man nennt diese Reaktion auch 1–4 Addition. Es gehören so stets Paare zusammen, deren Variationsmöglichkeit jedoch sehr groß ist. Die Diensynthese verläuft ohne besondere Hilfsmittel oder Kunstgriffe bei normaler Temperatur ganz von selbst, wenn man die beiden Partner zusammenbringt. Die große Anwendungsmöglichkeit des neuen Aufbauprinzips zeigt sich auch darin, daß sich danach Ringe mit eingebauten Brücken, wie sie bei den Terpenen und Kämpfern vorkommen, synthetisieren lassen. Gewisse Alkaloide, die pharmazeutisches Interesse besitzen, lassen sich so herstellen; denn die Reaktion verläuft auch bei Verbindungen, die außer Kohlenstoff noch andere Atome wie Stickstoff oder Sauerstoff enthalten. Nicht nur zum Aufbau, sondern auch zur Erforschung unbekannter Verbindungen hat sich die Diensynthese sehr bewährt. So hat man bei der Erforschung des roten Farbstoffes des Fliegenpilzes, des Muscarufins, von dem man nur wenige Milligramm besaß, durch die Diensynthese einen wichtigen Einblick in den molekularen Aufbau erhalten können. Auch zur Aufklärung des Vitamin D hat diese Reaktion entscheidend beigetragen. Von praktischen Anwendungen soll die Herstellung schnell trocknender Firnisse und die Gütebestimmung von trocknenden Ölen erwähnt werden.

Für die Erforschung des antirachitischen Vitamins D war noch eine weitere Erkenntnis von entscheidender Bedeutung: das Verfahren der Selendehydrierung, das von Professor Diels ausgearbeitet worden ist. Selen ist ein chemisches Element, welches dem Schwefel sehr ähnlich ist. Erhitzt man eine ringförmige, gesättigte Kohlenwasserstoffverbindung mit diesem Element, so reißt es einen Teil des Wasserstoffs an sich und aus der gesättigten Kohlenwasserstoffverbindung entsteht eine einfacher gebaute, oftmals bekannte, ungesättigte Ringverbindung, ein sogenannter aromatischer Kohlenwasserstoff. Man konnte mit dieser Methode nachweisen, daß zum Beispiel viele Hormone, das Vitamin D, die Herzgifte, aber auch das Alkaloid der Kartoffel, das Solanidin, einen sehr ähnlichen Aufbau besitzen.

Dem Schweizer Chemiker Professor Reichstein ist in diesem Jahr zusammen mit den Amerikanern Kendall und Hench der Nobelpreis für Medizin für die grundlegenden Arbeiten über das Cortison verliehen worden. Dieses ist ein Nebennierenrindenhormon, welches bei Rheuma auffallende Heilerfolge zeigt. Es gehört chemisch in die Gruppe der Sterine, zu denen auch das Vitamin D gehört. In der Natur findet sich das Cortison nur in sehr geringer Menge, so daß eine größere Anwendung für Heilzwecke bisher noch nicht möglich ist. Durch die Arbeiten von Reichstein und Kendall haben sich aber auch Wege für seine Synthese finden lassen, die bisher jedoch noch so umständlich sind, daß eine Behandlung mit Cortison sich sehr teuer stellt. Man ist mit großer Energie auf der Suche nach geeigneten Ausgangsprodukten, die sich in der Natur in größerer Menge finden. Hier könnten gewisse Herzgifte helfen, wie man sie in einigen afrikanischen Pflanzen gefunden hat. Von hier aus wäre die Synthese schon sehr viel einfacher.

Man mag aus alledem erkennen, daß die Chemie nicht die Arbeit eines einzelnen ist, sondern daß die Erkenntnisse des einen Forschers dem nächsten weiterhelfen in seinem Bemühen um die Erforschung der Natur und der Lebensvorgänge. Volker Franzen