MMG Paris, im November

Von der Etoile, dem Repräsentations-Mittelpunkt, strahlen die Avenuen aus, die die Namen der großen Schlachten und der großen Generäle Frankreichs tragen. Eine davon ist die Avenue Jéna. Nun, wir haben es in den letzten fünfzig Jahren zu so gründlichen Niederlagen gebracht, daß wir uns bei dem Namen Jena kaum mehr an die verlorene Schlacht erinnern, die fast dreimal so lang her ist. Und es hat auch nur zufällige und praktische und keine symbolischen Gründe, daß im unteren und einfacheren Teil dieser Avenue eines der ersten Generalkonsulate der Bundesrepublik steht.

Entsteht wäre richtiger gesagt. Das allerdings wirkt durchaus sinnbildlich, daß in diesem Haus unter den schwierigsten Umständen gearbeitet wird, während die Bauarbeiter hämmern, klopfen, Säcke schleppen und – ein Zeichen, daß es dem Ende des Aufbaus zugeht – die Wände des Treppenhauses anstreichen. Zwischen Wolken von Gipsstaub und durch provisorische Holzpforten dringen die Besucher in das noch durchaus unwirtliche Innere vor. Drei Monate arbeitete der größte Teil der Beamten und Angestellten in einem einzigen Zimmer und mit einer einzigen Telefonnummer. Die Handelsabteilung, der Sozial- und der Pressereferent galoppierten, von gleichfalls galoppierenden Sekretärinnen geholt, zwei Treppen abwärts, wenn es endlich gelungen war, das Innenministerium, den Quai d’Orsay, die Präfektur in die Leitung zu bekommen. Es gab keinen Empfangs- oder Warteraum, keinen Besucherstuhl, keinen richtigen Aktenschrank. „Aber bald“, sagt der Pressereferent, „werden wir nun doch so weit sein, daß wir jeder einen halben Schreibtisch haben – und mehr brauchen wir nicht.“ Bis es so weit ist, und man die wichtigeren Besprechungen in einem der kleinen Cafés in den Seitenstraßen ab, an denen die französische Hauptstadt so überreich ist. Bei der ungeheueren Teuerung des Lebens, vor allem der Lebensmittel, ist der „Schwarze“ oder der Apéritif noch eines der wenige! erschwinglichen Dinge...

Zur Sprechstundenzeit von neun bis zwölf Uhr kommen die Besucher, obgleich noch kein offizielles Schild die Existenz dieser Behörde meldet. Früher kümmerte sich ein Konsulat in erster Linie um Handels- und Wirtschaftsbeziehungen und außerdem um Paßangelegenheiten und die Nöte der eigenen Landsleute im fremden Staatsgebiet. Zu einer Zeit, in der Deutschland noch nicht über Botschaften und Gesandtschaften verfügt, sind die Aufgaben eines Generalkonsulats um vieles schwieriger und vielfältiger, obgleich oder gerade weil wir noch kein Auswärtiges Amt besitzen und „die diplomatischen Beziehungen noch nicht aufgenommen“ sind. Und auch die Konsulatsaufgaben an sich sind entsprechend komplizierter. Da sind die früheren Kriegsgefangenen, die in Frankreich geblieben sind und Arbeit bekommen haben; da sind die Neuhinzugekommenen, die in Sammeltransporten kamen und im allgemeinen keine ausreichenden Papiere besitzen. Da sind schließlich noch die deutschen Emigranten der Nazizeit, immerhin elfhundert, die nach dem französischen Gesetz zu alt waren, um naturalisiert werden zu können und von denen sich ein beträchtlicher Teil in keineswegs rosigen Verhältnissen befindet. Wie denn überhaupt dies Konsulat gleich allen solchen Behörden von heute ein Sammelbecken des sozialen Elends aller Schattierungen ist.

Einer der fünf oder sechs leitenden Beamten (der Personalstand hält derzeit bei zwanzig und wird auf etwa fünfzig anwachsen), der Sozialreferent, ist in erster Linie damit beschäftigt, Einzelschicksale zu entwirren und zu möglichst gutem Ende zu führen. „Bei mir geht es zu wie im Sprechzimmer eines Psychotherapeuten“, sagt er und fügt hinzu, daß doch wohl die Hälfte der Hilfesuchenden Opfer des typischen „Wandertriebes“ seien; junge Burschen und Mädchen, die jede Chance wahrnehmen, aus der heimischen Enge, dem aus mehr oder minder berechtigten Gründen unerträglichen Elternhaus zu entkommen, wobei dann häufig ein völliges Fiasko eintritt. Ein Mädchen zum Beispiel, das sich mit der Mutter nicht vertrug und unter völlig falschen Voraussetzungen eine Stellung irgendwo in Südfrankreich annahm, sie ebenso schnell wie erfolglos wechselte, schließlich ohne einen Pfennig Geld bei wohltätigen Nonnen landete, erfuhr dort von der Existenz eines deutschen Konsulats und schlug sich „per Anhalter“ nach Paris durch. Nun, sie bekäme die Fahrkarte, die Eltern würden das reuige Schäflein an der Grenze in Empfang nehmen, auch der frühere Arbeitgeber stellt sie wieder ein – aber jetzt fehlt das Ausreisevisum. Die Papiermühlen beginnen zu mahlen, langsam aber trefflich fein. Mit Geduld und formalen Kenntnissen muß in solchen Fällen geholfen werden. Obwohl es doch so dringend nötig wäre, die Tarifverträge der Gewerkschaften oder die militärische Hinterbliebenenfürsorge zu studieren, langsam zum fernen Wunschtraum einer deutsch-französischen Koordinierung vorzudringen und damit ein neues Steinchen in den Bau der europäischen Vereinheitlichung zu fügen.

Diese Behörde, von außen und innen Sinnbild deutscher Aufbauversuche, unterscheidet sich von anderen ihresgleichen am stärksten durch die Person ihres Chefs. Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, wer in Bonn auf den tollkühnen Gedanken kam, einen Generalkonsul auszusuchen, der weder Wirtschaftsmann, noch Jurist ist, sondern „nur“ ein Schriftsteller – wenn er auch vor mehr als vier Jahrzehnten in München bei Lujo Brentano Volkswirtschaft als Nebenfach Studien hat und von dem Gewaltigen persönlich einen strengen Prüfung unterzogen wurde. Aber bekannt ist Dr. Wilhelm Hausenstein in ersten Linie als Kunsthistoriker und Essayist von einer in unserer Sprache äußerst seltenen Verbindung von Anmut und Tiefe. Diesen Mann, der eine belgische Frau hat und französisch wie deutsch spricht, also gute äußere Voraussetzungen für sein Amt mitbringt, hat man in späten Lebensjahren mit einer Karriere bedacht, die für der französischen komme de lettres in seinen bedeutendsten Vertretern üblich ist, bei uns freilich seit Goethes Zeiten in Vergessenheit geriet. Indessen hat der Fachmann als Führender zu viel Fiasko erlitten, als daß man sich nicht auch bei uns fragen müßte, ob man es nicht wieder einmal umgekehrt versuchen solle: vom urbanen vom Humanen, vom Geist her. Ob bei der Ernennung Wilhelm Hausensteins solche Gründe mitspielten, ist ungewiß. Wir wollen es indessen hoffen. Der Mann, der aus dem so stillen Haus in Tutzing in die Avenue Jena übergesiedelt ist zahlt seine ungewöhnliche Karriere mit den schweren Verzicht auf ein gelassenes und kunstgeweihtes Leben. Möge es ihm gelohnt werden.