W. P. Baden-Baden, im November

Der Baden-Badener Intendant nannte die deutsche Erstaufführung von Hans Tiemeyers Schauspiel „Der Fall A. D.“ eine „Studio“-Aufführung im Rahmen des „Dramatischen Kabinetts“, womit er wohl Anspruch auf milde Beurteilung erheben wollte. Das „Schauspiel“, aus dem Holländischen in papierenes, teilweise auch falsches Deutsch übertragen, ist eine dialogisierte Gerichtssaal-Reportage ohne dramatische Handlung und Phantasie. (Der Autor scheint der Meinung gewesen zu sein, Verhandlung und Handlung seien das gleiche.)

Es geht um einen Mord und seine Hintergründe. Eine frühreife Siebzehnjährige, infolge einer Verfehlung der Mutter dem Elternhaus seelisch entwachsen, hat nach der Befreiung in Holland einen Kollaborateur unter Beihilfe von zwei Halbwüchsigen umgebracht – aus politischanarchistischem Gerechtigkeitswahn, neurotischpathologischem Erlebnishunger und aus Ekel vor sich selbst. Das um diesen Einzelfall lagernde Problemgeflecht wird vom Jugendrichter und einer Inspektorin der Amsterdamer Jugendpolizei im Laufe einer zweistündigen Verhandlung recht oberflächlich und sprachlich unzulänglich angeleuchtet, niemals durchleuchtet, wofür ein Dichter notwendig wäre. Die vor den Richtertisch tretenden Personen, Beschuldigte und Zeugen (darunter auch die Eltern der Mörderin), bleiben blasse Schemen. Der Richter und die Jugendinspektorin sind schwatzhaft-leitartikelnde Figuren, die sich in direkter Ansprache an das Publikum wenden, das leicht betreten dasitzt,

Die Aufgabe, vor welche sich der Regisseur Hans Günter Dzulko a. G. und die Schauspieler gestellt sahen, war schier unlösbar. Trotzdem, kam in Baden-Baden (Freiburg i. Br. spielte das Stück einen Tag später) eine saubere Aufführung zustande.

In einer nachfolgenden öffentlichen Diskussion wurde lustig weitergeredet. Drei Studienräte ließen sich am Honoratiorentisch langatmig und bemüht über moderne Erziehungsprobleme aus, in der irrigen Annahme, das Stück dürfe Anspruch auf exemplarische Bedeutung erheben. Es behandelt aber nur (auf recht hilflose Weise) den kriminellen Sonderfall einer bestimmten Gruppe von desperater Großstadtjugend, der sich Gott sei Dank nicht verallgemeinern läßt.