Stalins Fünfte Kolonne hat in Skandinavien ihre Arbeit im großen Stil aufgenommen. Die aus den Kriegsjahren bekannte „Wollweber-Organisation“ mit ihren Unterabteilungen in allen nordischen Ländern ist wieder auferstanden. Der Leiter dieser Untergrundbewegung, Wollweber, der ursprünglich Deutscher war und jetzt sowjetischer Staatsbürger ist, hat seinen Sitz in Berlin. Wie eine Spinne zieht er von hier aus sein Netz über der ganzen skandinavischen Raum.

Im ersten Weltkrieg war Wollweber einer der Leiter bei der Flottenmeuterei in Kiel. Er wurde kommunistischer Reichstagsabgeordneter; seine eigentliche Aufgabe war die Führung der Spionageabteilung der Komintern in Westeuropa. Er errichtete eine internationale Sabotage-Liga mit dem Hauptsitz in Schweden. Die damals aufsehenerregenden Sabotageakte auf spanischen Schiffen in Frederikshaven im Jahre 1938 gehen auf sein Konto. Daß Wollweber heute wiederum Moskaus Skandinavienexperte ist, steht außer Zweifel. Er hat eine neue Sabotageorganisation aufgebaut, die sich vor allem gegen die amerikanischen Waffenlieferungen richtet. Immerhin: Schwedens Boden ist ihm zu heiß geworden. Er hat sich in der deutschen Sowjetzone etabliert. Auf der Karl-Marx-Schule in Klein-Machnow bei Berlin und auf einem Landgut in der Nähe von Greifswald werden unter seiner Aufsicht internationale Kommunisten in Sabotagetätigkeit und skandinavischen Fragen unterrichtet.

Die Aufgaben der kommunistischen Fünften Kolonne sind ebenso dunkel wie zahlreich. Zeitweilig herrschte in den vergangenen Monaten auf der Ostsee ein nur sehr lebhaft zu nennender Verkehr mit leichten, schnellen Booten, die des Nachts meistens von Gdingen aus Waffen an die dänischen und schwedischen Küsten brachten. Die kommunistische Leitung bemüht sich gegenwärtig außerdem, in Skandinavien einen Mobilisierungsapparat halbmilitärischen Charakters auf die Beine zu stellen, eine Offensivtruppe also, die für Sabotageakte und Putschversuche in Krisenmomenten Verwendung finden kann. Der skandinavische Kommunismus selbst hat Anordnung, sich völlig auf die Untergrundtätigkeit einzustellen. Er versucht, Schlüsselstellungen innerhalb der Verteidigungsindustrie und im Grenzgebiet zu besetzen. Das alles sind alte Methoden. Am interessantesten ist es vielleicht, daß die Kommunisten das Verteidigungssystem der einzelnen Länder nicht durch Beeinflussung der Wehrpflichtigen zu untergraben suchen – denn die Soldaten kommen und gehen und wechseln jedes Jahr –, sondern daß sie vielmehr ihr Hauptaugenmerk auf die Arbeiter in den wichtigen Industrien richten.

Bedeutende Stützpunkte für die Arbeit der fünften Kolonne sind die Botschaften und Gesandtschaften der östlichen Länder. Diese diplomatischen Vertretungen treiben kostspielige Propaganda im volksdemokratischen Stil. Wie geflüchtete legationsmitglieder berichteten, stehen daneben ungeheure Summen für politische und wirtschaftliche Spionage zur Verfügung. Tschechen und Polen vor allem haben eine Unzahl von Agenten innerhalb ihres ungewöhnlich starken Botschaftspersonals. Alle diese Agenten sind durch ihre Immunität geschützt. Der letzte Skandinavien beunruhigende Spionagefall, dessen Spuren sich in einer östlichen Botshaft verloren, war der angebliche Großauftrag, die schwedische Küstenverteidigung und den „Invasionsweg“ nach Stockholm auszuspionieren. Es ist sicher kein Zufalls daß Moskau zwei nicht nur mit Skandinavien sondern auch mit Spionage und Sabotage überaus vertraute Männer als Botschafter nach Stockholm und Kopenhagen sandte. Der neue Botschafter in Stockholm, Konteradmiral Radioroff, wurde von Stalin selbst nach seinem jetzigen Posten dirigiert. Daß er früher in der Vöirkei als Marineattaché stationiert war, macht in Gewicht nicht geringer. Bevor er nach ohn kam, wurde ihm Gelegenheit gegeben, sich in der skandinavischen Abteilung des Moskauer Außenministeriums mit seinem neuen Tätigkeitsfeld ausführlich zu beschäftigen. In der roten Botschaft in Kopenhagen hingegen residiert seit kurzem Genosse Vetrov. Er ist Balte und der Mann, der 1940 den Staatsputsch in Riga vorbereitete, so daß sein Land dem Kreml wie eine reife Pflaume in den Schoß fiel. Ist Radionoff Stalins eigener Protegé, so gilt Vetrov als Wyschinskis persönlicher Schützling. Was Wunder, daß man sich da in Skandinavien Sorgen macht... Engdahl-Thygesen