Der Doktor hatte den in seine Doris verliebten Orest gezwungen, Lebertran zu trinken, und bekam von Pylades, der seinem Freund zu Hilfe eilte, eine Ohrfeige. Diesen Moment benutzte der Uhrmacher, um sich des Liebesbriefes zu bemächtigen, und es kam zu einem allgemeinen Handgemenge, das die wilden Skythen herbeilockte. Diese machten sich daran, das Sprechzimmer zu stimmen. Da kam die Mutter und steckte alle Beteiligten in die Sparbüchse.

Diese sonderbare Geschichte war das Ergebnis meines Versuchs, gleichzeitig einen Roman zu lesen und die Erzählung eines Spaßmachers im Radio nicht zu versäumen, da mich der eine wie die andere lebhaft interessierte. Dazu hatte meine Frau das Neueste aus der Nachbarschaft berichtet, und auch das zwang mich, hinzuhören. Wie ich nachträglich feststellen konnte, hatte ich in dem Buch gelesen: „Laß dir das gesagt sein, daß die Skythen nichts für größer halten, als die Freundschaft, und daß es nichts gibt, worein ein Skythe mehr seine Ehre setzen würde, als mit einem Freunde Mühen und Gefahren zu teilen, so wie es bei ihnen keinen größeren Schimpf gibt, als für einen Verräter der Freundschaft zu gelten. Deshalb ehren sie den Orest und Pylades.“ Der Mann im Radio hatte erzählt, er habe als Kind jeden Tag Lebertran nehmen müssen und zur Belohnung für braves Schlucken stets zehn Pfennig bekommen. Die Mutter habe die Münzen in die Sparbüchse getan, und wenn die Lebertranflasche leer gewesen sei, habe sie die Sparbüchse geöffnet und für das Geld neuen Lebertran gekauft. – Und der Bericht meiner Frau: Uhrmachers Ältester hatte ein Verhältnis mit Doktors Tochter Doris begonnen, und der Doktor hatte einen Liebesbrief abgefangen. Damit hatte er sich im Sprechzimmer eingeschlossen, um ihn dort in Ruhe zu lesen, aber hinter dem ersten Patienten war auch Doris eingedrungen, indem sie den Vater mit vorgestrecktem Fuß daran hinderte, die Tür wieder zu schließen. Darauf hatte sie vom Doktor eine Ohrfeige bezogen, aber diesen Augenblick hatte Doris benutzt, ihm den Brief aus der Rocktasche zu ziehen! Am Abend war der Doktor zu Uhrmachers gegangen, um sich zu beschweren, aber der Uhrmacher hatte ihm geraten, selber auf seine Tochter aufzupassen.

Angesichts dieser Klärung meiner verschiedenen Eindrucksquellen muß ich feststellen, daß es mir unmöglich ist, meine Aufmerksamkeit zu spalten wie jene Genies, von denen man gehört hat, daß sie mehrere Dinge zu gleicher Zeit tun konnten, und das eine so gut wie das andere. So hat man uns schon in der Schule erzählt, Leonardo da Vinci sei ein derartiger Mensch gewesen. Gleichzeitig habe er den Bau eines Befestigungswerkes geleitet, die Mona Lisa gemalt, einen Kanal entworfen, ein mathematisches Problem gelöst, eine Flugmaschine konstruiert, Schüler unterrichtet und einen Aufsatz über Anatomie geschrieben; und alles mit der linken Hand! Wir beneideten Leonardo sehr. Auch wir hätten gerne unsere Mathematikaufgaben zugleich mit der lateinischen Übersetzung erledigt, nicht ohne dabei den Zwingherrn von Celebes zu lesen. Aber es ging nicht. Denn unsereiner kann allenfalls gebrannte Mandeln kauen und einen Film ansehen, oder ein Buch lesen und eine Zigarette dazu rauchen. Das ist das Äußerste an Aufmerksamkeitsspaltung, was man zuwege bringt. Bei angestelltem Radioapparat Skat spielen, das kann man gerade noch, aber Skat spielen und gleichzeitig Radio hören nicht; nicht einmal das!

Unter meinen Zeitgenossen ist mir nur einer bekannt, der dreierlei zugleich tun kann. Dies ist Max-Theo, mein Neffe, und er verdient Bewunderung. Ich habe gesehen, daß er die Illustrierte liest, der Jazzmusik lauscht, von der er sagt, sie sei so schön, daß man an Krücken gehe, wenn man sie höre, und seine Schulaufgaben macht. Alles in einem! Ich brächte das nicht fertig. Mir geht es wie Mister Pief, der bekanntlich mitsamt seinem Perspektiv in den Teich fiel, als er beim Sondern in die Ferne sehen wollte. Obgleich zu seiner Zeit die Aufmerksamkeitsspaltung noch nichts von einem großen Kulturproblem an sich hatte, darf er doch als ihr tragisches Urbild gelten.

Was bei Max-Theos Schularbeiten herauskommt, ist mir nicht bekannt. Möglich, daß er seine Kräfte überschätzt. Vielleicht hat sogar der universelle Leonardo alles schön nacheinander gemacht? Andernfalls könnte es sein, daß das Gesicht seiner Mona Lisa ein mittelalterliches Befestigungswerk aufwiese statt des berühmten Lächelns. Hellmut Holthaus