Zwar sagt Schopenhauer, daß diejenigen, die keine Gedanken auszutauschen haben, statt dessen Spielkarten austauschen, aber so einfach ist die Sache nicht. Die Fähigkeit und Lust zum Spiel charakterisiert sogar den Menschen, lehrt uns ein anderer Philosoph – der Holländer Huinzinga – in seinem berühmten „Homo ludens“ (Der spielende Mensch). Er beweist die schmale Brücke zwischen Mensch und Tier daran, daß auch Tiere spielen. Junge Hunde zum Beispiel tut unter schrecklichem Grollen und Brummen so, als ob sie sich bissen, ja, als ob sie sich zerreißen wollten, wobei aber keinem ein Haar gekrümmt werde. Die spielenden Tiere halten also auch die „Spielregeln“ ein. Es läßt sich daraus eine ganze Philosophie entwickeln. Könnte man nicht den Gedanken verfolgen, daß diese offenbar „natürlichen“ Spielregeln, die dann in den hohen Stadien der Entwicklung durch vereinbarte Spielregeln ergänzt werden, überhaupt das Ordnungssystem menschlicher Verhaltungen ausmachen? Und kommen nicht die allermeisten Tragödien des Lebens aus der Vernachlässigung oder Verletzung von Spielregeln?

Im Anblick solcher Möglichkeiten sollte man das Schmunzeln unterdrücken beim Lesen der Meldung, daß in Bielefeld kürzlich Repräsentation der deutschen Skatspieler zusammentraten, um die Regeln des Skatspieles zu überprüfen. Wie man weiß, sind deutsche Männer, die irgendwo zusammentreten, immer verantwortungsbewußt. So auch diese in Bielefeld. Sie verhüteten den Zerfall des deutschen Skatverbandes in Ost und West, der sich „vor Wochen drohend abzeichnete“, wie aus Skatkreisen verlautete. Aber der Präsident, der aus dem historischen Skatzentrum Altenburg in Thüringen gekommen war, wo dieses Spiel vor etwa 150 Jahren erdacht worden ist, erklärte: „Wir Skater keinen keine Zonengrenzen!“ Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein ...

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Skat ist ein Männerspiel. Frauen, die es erlernt haben, besitzen heute immer noch wenig Chancen, bei den Männern Anerkennung zu finden, so gut sie auch spielen mögen. (Das liegt vielleicht nicht an männlicher Überheblichkeit, sondern an den merkwürdigen Redensarten, die den „Männerskat“ anscheinend unvermeidlich begleiten und ihn wie durch einen Abgrund von den zwar ein wenig verwandten, aber vornehmschweigsamen Bridge trennen.) Gleichwohl nehmen Hunderttausende von Frauen am Skat inningsten Anteil – im defizienten Modus, wie der Philosoph Heidegger sagen würde. Indem sie nämlich nicht teilnehmen dürfen, sondern zu Hause sitzen. Der Modus wird noch weit defizienten durch den Mangel an Gewißheit, daß Skatspieler an ihrem Skatabend tatsächlich immer Skat spielen. Eine Statistik würde vielleicht sogar ergeben, daß die Zahl der Frauen, die im erwähnten defizienten Modus, nämlich zu Hause sitzend und wartend, am Skat teilnehmen, weitaus höher ist als die der Männer am Skattisch. Dann wäre also der Skat gar kein Männer-, sondern ein Frauenspiel.

Das Skatspiel beginnt, indem das Recht, die Trumpffarbe zu bestimmen und sodann allein gegen die beiden anderen Partner zu spielen, versteigert wird. Dieses Recht erlangt, wer die höchste Verpflichtung übernimmt, die sich aus einem ziemlich komplizierten Zahlensystem ergibt. Die Komplikation ist nicht ohne Bedeutung. Diese Zahlenkunst, die man „Reizen“ nennt, muß der Anfänger erst einmal formal vollkommen beherrschen, sonst kann er überhaupt nicht, auch nicht einmal schlecht spielen. Dazu ist aber eine gewisse Arbeit und Übung notwendig. Wer sie nicht aufwendet, kann nicht anfangen, er kann sie sich nicht erst im Spiel selbst von Grund auf aneignen. Daraus ergibt sich eine Art Eiserner Der „Kreuzbube“ ist die stärkste Karte im Skatspiel. Nach 1914 wurden „patriotische“ Skatkarten hergestellt, auf denen Hindenburg „Kreuzbube“ war. Dreht man die Karte um, zeigt sich der Österreicher Conrad von Hoetzendorf.

Aufnahme: Archiv

Vorhang, hinter dem die Skatspieler immer sitzen. Sie haben etwas von einer Gilde, ja von einem Orden an sich.