König Faruk I. von Ägypten fand bei der Rückkehr von seiner Urlaubsreise an die Riviera in seinem Lande eine bedrohliche Verschlechterung der innenpolitischen Lage vor. Eine Denkschrift der Führer aller Oppositionsparteien, die dem König am Tage nach seinem Eintreffen überreicht wurde, enthielt die Bitte, der König möge gegen Teuerung, Mißwirtschaft und Korruption einschreiten, „da es eine Grenze gibt für das, was ein Volk ertragen kann und wir befürchten, daß ein Aufstand ausbrechen könnte.“ Bei dem in der Denkschrift erwähnten Korruptionsskandal handelt es sich um Unregelmäßigkeiten gelegentlich eines Waffenkaufs im Palästinakrieg, an dem sich hochgestellte, dem Hofe nahestehende Personen anscheinend erheblich bereichert haben.

Der König handelte schnell, denn dem am 12. November erfolgten Rücktritt des Oberbefehlshabers der Armee, General Mohamed Heider Pascha, der zur Zeit des Waffeneinkaufs Kriegsminister gewesen war, folgte die Entlassung des Generalstabschefs Osman el Mahdi Und zwanzig weiterer hoher Offiziere. Gleichzeitig mit dieser Säuberung auf dem militärischen Sektor wurden drei amtierende Minister entlassen, die in grundsätzlichen Fragen der Finanz- und Wirtschaftspolitik mit dem Ministerpräsidenten Nahas Pascha nicht übereinstimmten.

Ägyptens Wirtschaft, die nach dem Kriege eine Hochkonjunktur erlebte, befindet sich in einer kritischen Lage. Der große Nachkriegsbedarf an Baumwolle hatte zu einer starken Erweiterung der Anbaufläche zu Lasten des Getreideanbaus geführt. Die Möglichkeit eines dritten Weltkrieges und die Erfahrungen Ägyptens während des zweiten Weltkrieges veranlaßten nun die Regierung erneut eine Umstellung der Landwirtschaft anzuordnen, und eine über die Rekordjahre 1944/45 um 10 v. H. hinausgehende Getreideproduktion zu verlangen. Da der Export von Baumwolle 80 v. H. der gesamten ägyptischen Ausfuhr ausmacht, bedeutet diese Umstellung einen tiefen Einschnitt in die wirtschaftliche Struktur des Landes, der sich in einer von Monat zu Monat steigenden Erhöhung der Lebenshaltungskosten auswirkt.

Da der Jahres-Durchschnittslohn eines Landarbeiters nur dem Gegenwert von 31,60 Dollar und der eines Industriearbeiters demjenigen von 83 Dollar entspricht, ist selbst die geringste Erhöhung der Kosten für die Ernährung und Bekleidung unerträglich. Den 95 v. H. der Bevölkerung Ägyptens, die unter diesen drückenden Bedingungen leben müssen, stehen die 5 v. H. der reichen Aristokraten, Landbesitzer und Industriellen gegenüber, die allein die Politik des Landes bestimmen und aus deren Reihen bisher jede Regierung, sei es eine wafdistische, saadistische oder liberal-konstitutionelle, gebildet wurde? zur Zeit ist die Wafd-Partei am Ruder.

Es ist ein bekanntes Mittel der Staatsführung, bei inneren Schwierigkeiten den Schwerpunkt der Politik auf die Außenpolitik zu verlagern. In der von Nahas Pascha am 16. November im Parlament verlesenen Thronrede wurde denn auch prompt die schon mehrfach erhobene Forderung auf Abzug der englischen Truppen aus der Suez-Kanal-Zone und auf Vereinigung des Sudan mit Ägypten unter der ägyptischen Krone wiederholt. Damit ist die Aufmerksamkeit des Volkes von den eigenen Nöten auf die allgemein vorhandenen nationalen Ambitionen gelenkt worden, deren Erfüllung sich nur „der alte Feind England“ widersetzt.

Dennoch wäre es ein Irrtum, anzunehmen, daß diese neuerlich gestellte Forderung den Beginn einer Abkehr Ägyptens von dem Westen, bedeutet. Die Voraussetzung für eine solche Abkehr wäre eine erfolgreiche Revolution und ein Ausschalten der herrschenden Schicht, die in ihren Anschauungen und Interessen fest mit dem Westen verbunden ist.

Ein treffendes Beispiel für diese Anschauungen und den Realismus, der ihnen zugrunde liegt, gab vor einiger Zeit der frühere Oberbefehlshaber der ägyptischen Streitkräfte im Palästinakrieg, General Fuad Sadek, als er sich in einem viel beachteten Zeitungsartikel für eine gemeinsame ägyptisch-englische Verteidigung des Suezkanals mit – folgenden Worten einsetzte: „Ich werde mein Leben lang ein Ägypter bleiben, der ein Feind des englischen Imperialismus ist. Trotzdem erkläre ich offen, daß wir den Kampf zwischen dem Ost- und dem Westblock nicht ignorieren oder in einem Elfenbeinturm bleiben können. Wir können nicht – wie die Schweiz – neutral bleiben.“ Die Regierung Nahas Pascha wird also kaum zögern, für den Kriegsfall einen Verteidigungspakt mit England zu schließen, wenn hierdurch in Friedenszeiten das Land frei von englischen Truppen wird. Das Ergebnis der bevorstehenden Londoner Verhandlungen zwischen Bevin und dem ägyptischen Außenminister Saleh el Din Bey wird zeigen, ob England bereit ist, einen solchen Pakt mit Ägypten zu schließen.

Ernst Krüger