Vor einigen Tagen wurde im Rechtsausschuß der UNO über Nürnberg und die Kriegsverbrecherprozesse diskutiert. Die Meinungen prallten hart aufeinander, denn als man die neuen Rechtsgrundsätze schwarz auf weiß und neu formuliert vor sich sah, konnten sich einige des Gruseins nicht erwehren.

Grundlage der Diskussion war ein Entwurf des Völkerrecht-Komitees, dem die Aufgabe zugefallen war, die Prinzipien von Nürnberg zu formulieren und zu kodifizieren. Als dieses Komitee im vorigen Jahr zum erstenmal zusammentrat, hatte sich sofort die grundsätzliche Frage erhoben, ob es nicht vielleicht notwendig sei, zu prüfen, inwieweit die Grundsätze der Nürnberger Urteile eigentlich Grundsätze des geltenden Völkerrechts sind. Das Komitee hatte sich jedoch schließlich allen Konflikten entzogen, indem es einfach feststellte, die Nürnberger Grundsätze seien ja am 11. Dezember 1946 durch die Generalversammlung der UNO bestätigt worden und insofern könne es nicht seine Aufgabe sein, sie als Völkerrecht anzuerkennen oder abzulehnen, sondern seine Aufgabe sei lediglich, sie endgültig zu formulieren.

Das Resultat dieser Bemühungen fand nun nicht die einhellige Billigung der Mitglieder des Rechtsausschusses. Nur Dr. Manfred Lachs, der Vertreter Polens, war offenbar zufrieden. Den meisten anderen ging vor allem die Formulierung des Verbrechens der Mittäterschaft, die noch ein gut Stück über Nürnberg hinausgriff, zu weit. Der Holländer, Professor Roling, befürchtete, daß auf diese Weise eine rechtliche Basis für Massenabschlachtungen und uneingeschränkte Rache geschaffen würde. Nicht nur die Manager, sondern jeder Munitionsarbeiter, nicht nur der Generalstab, sondern jeder Soldat auf dem Schlachtfeld sei ja bei der vorliegenden Formulierung als Verbrecher anzusehen.

Mit Beginn des Koreakrieges sind allmählich allenthalben Zweifel an der Zweckmäßigkeit der Kriegsverbrecher-Rechtsprechung laut geworden. Auch in England wird dieses Thema diskutiert, seit der Flottenadmiral, Lord Cork and Orerry, am 19. Juli im Oberhaus den Antrag stellte, den sogenannten "Kriegsverbrecher-Paragraphen" abzuändern. Im British Manual of Military Law (wie auch im US Basis Field Manual) – hatte nämlich stets der Befehl des Vorgesetzten, mindestens für den Soldaten, als Exkulpation gegolten. "Als aber 1944 der Sieg in Aussicht war", so sagte Lord Cork im Oberhaus, "wollte man den internationalen Gerichtshöfen die Vorbereitung für die Kriegsverbrecherprozesse erleichtern", und darum sei in der englischen Militärvorschrift (und auch in der amerikanischen) ein Zusatz gemacht worden, in dem es heißt, daß der Soldat nur gesetzmäßigen Befehlen (lawful Orders) gehorchen dürfe; er werde "zur Verantwortung gezogen, wenn er in Ausführung eines Befehls Taten begeht, die sowohl die unbestrittenen Gesetze der Kriegsführung verletzen wie das allgemeine Gefühl der Menschlichkeit."

Mit dem Flottenadmiral standen die meisten Offiziere bei jener Debatte auf dem Standpunkt, dieser Zusatz untergrabe den Grundpfeiler alles Soldatischen: die Disziplin. Aber der Lord Chancellor wandte ein, wieso eigentlich ein Soldat, der vorübergehend das Kleid des Bürgers mit der Uniform vertauscht habe, damit jeglicher Verantwortlichkeit entkleidet werde. Könne man nicht, so fragte er, auch von einem Soldaten erwarten, daß er den Gehorsam verweigere, wenn ihm der Befehl erteilt würde, Frauen und Kinder in eine Kirche zu treiben und diese dann anzuzünden? Hier wurde sehr deutlich, daß die oft abwegig anmutende Rechtsprechung der Kriegsverbrecherprozesse nicht nur das Erzeugnis weltfremder Zivilisten ist, sondern der verzweifelte und sicherlich unzulängliche Versuch, sich vor dem Rückfall in die Barbarei zu schützen.

Aber Lord Cork ließ damals nicht locker. In einem Brief an die Times deutete er auf die Gefahren nordkoreanischer Kriegsgerichte hin und schrieb: "Unsere Soldaten ziehen in den Krieg mit einer Schlinge um den Hals, die ihnen ihre eigenen Landsleute angelegt haben und die die Arbeit der feindlichen Henker erleichtert." – Man versteht diese Sorgen, wenn man die Berichte aus Korea liest. John Osborne, der Chef-Korrespondent von Life und Time in Ostasien, schrieb vor einiger Zeit: "Es ist nicht die übliche unvermeidliche Grausamkeit des Schlachtfeldes, sondern die Grausamkeit im Detail: die Zerstörung von Dörfern, in denen sich vielleicht der Feind verbirgt; die Beschießung von Flüchtlingen, unter denen sich vielleicht Nordkoreaner im anonymen Kleid des Bauern befinden, oder die vielleicht einen feindlichen Aufmarsch gegen unsere Stellungen abschirmen ..." Und dann die Brutalität der südkoreanischen Polizei und der Marine! Sie morden, um sich die Mühe zu ersparen, Gefangene zum Verhör zu eskortieren; sie ermorden Zivilisten, nur weil sie ihnen im Wege sind oder um sich der Mühe zu entziehen, sie zu vernehmen. Und sie erpressen Informationen, die wir von den Dolmetschern benötigen, mit so brutalen Mitteln, daß man sie nicht beschreiben kann."

In diesen wenigen Sätzen, in denen die gleichen Tatbestände angedeutet werden, derentwegen Deutsche als Kriegsverbrecher in diesen Jahren vor Gericht standen, wird die Brutalität des modernen Krieges in erschreckender Weise deutlich. Es gibt Deutsche, die heute mit einer gewissen Genugtuung beobachten, wie auch "die anderen" plötzlich in Verbrechen gegen die Menschlichkeit und in Kriegsverbrechen verstrickt werden. Gewiß war der pharisäerhafte Hochmut, mit dem "die anderen" nach 1945 über die Besiegten zu Gericht saßen, ärgerlich, und der Dünkel, mit dem sie annahmen, es genüge, den deutschen Generalstab, die deutschen Beamten und die deutschen Industriellen zu verurteilen und den Angriffskrieg zu ächten, um Ruhe und Gerechtigkeit in der Welt wiederherzustellen, war zweifellos mehr als naiv. Aber abgesehen davon, daß jenes "auch die anderen" uns nicht exkulpiert, sollten endlich alle miteinander einsehen, worum es eigentlich geht. Nämlich sicherlich nicht um den Nachweis, daß einer besser oder ebenso schlecht ist wie der andere, sondern darum, daß wir in einer Geschichtsphase leben, in der die Menschheit, jeder einzelne und jede Gesellschaftsform, in ganz elementarer Weise von den Urformen der Barbarei überwältigt zu werden droit.