In dem Augenblick, da 130 000 Arbeiter der Eisen- und Stahlindustrie ohne Rücksicht auf Stahl- und Kohlenknappheit zu einer Urabstimmung darüber aufgerufen werden, ob sie für das Mitbestimmungsrecht in den Betrieben zum "äußersten Kampfmittel", dem Streik, bereit sind, im gleichen Augenblick, da Dr. Hans Boeckler, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, dieselben Maßnahmen auch bei den Bergleuten ankündigt, in diesem Augenblick, da die Spannungen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden aufs höchste gestiegen sind, ist vielleicht das Experiment Spindler interessant. Es handelt sich um jenen, in internen Kreisen viel diskutierten Plan des rheinischen Textilgroßindustriellen Spindler, dem sich kürzlich eine Anzahl anderer Unternehmer anschloß. Sosehr dieser Plan kritisiert wird, so hat er doch etwas Faszinierendes: es geht um den Frieden am Arbeitstisch.

Dieses Werk in Hilden, nahe bei Düsseldorf, ist ein Reich für sich, ein zugleich einheitliches und vielschichtiges Reich. Lastwagen bringen Zellulose, die dünnen Brettern aus Pappe gleicht: Alles andere macht Spindler, machen die 2500 Arbeiter und Arbeiterinnen seines Betriebes. 1000 Webstühle fabrizieren allmonatlich eine Million Meter Stoff. "Stapelware", "gängige" Stoffe für Frauenkleider, die direkt an den Laden oder die Bekleidungsindustrie verkauft werden, ferner Stoffe für das "Futter" der Herrenkleidung. Und um einen Begriff von der wirtschaftlichen Bedeutung des Werkes zu geben –: Es produziert 10 v. H. aller "Herrenfutterstoffe", die im Bundesgebiet produziert werden; in die übrigen 90 v. H. teilen sich 90 Firmen... Nur Zellstoff und Chemikalien kauft das Werk von anderen Werken, im übrigen ist es "autark" und einheitlich. Die Vielschichtigkeit beruht darin, daß es die kompliziertesten Vorgänge sind, in denen Zellulose zu Garn und Garn zu Stoffen, zu fertigen, farbigen Stoffen, verwandelt wird. "Diese Maschinen", sagte ein Werkmeister und meinte riesengroße Apparate, in denen man es brodeln und glitzern sah, wenn man durch ein Kontrollfenster ins Innere blickte, "diese Maschinen tun dasselbe, was Seidenraupen tun." Er bestand darauf, seine Maschinen zu erklären. Er war stolz auf diese seine Arbeit. Wir aber bestanden darauf, über den "Spindler-Plan" etwas zu hören. "Der Plan ist in Ordnung", erwiderte er: "Und wie denken Ihre Kollegen?" – "Es gibt einige: die wissen nichts davon. Es gibt andere, die davon wissen und die ganz links stehen, die sagen, Spindler hat solche Ideen, weil er sich bei den Arbeitern einschmeicheln will für den Fall, daß die Roten kommen. Andere wieder: daß er den Kommunisten das Wasser abgraben will." – "Und worum, meinen Sie, geht es bei dem Plan?" – "Wir Arbeiter sollen mitbestimmen, und nicht nur das: wir sollen mitbesitzen!" – "Wenn das so ist –: gibt es welche unter Ihnen, die dagegen sind?" – "Die meisten, die davon wissen, sind dafür, viele begeistert und schon heute dankbar. Die anderen sind nicht dagegen, sind nur mißtrauisch, verstehen Sie? Weil sie sagen: jeder Unternehmer ist ein Schuft mit Auto, Villa, Park und Pelzen..."

Was beispielsweise die "Villa" angeht – Spindler wohnt in der kleinen Wohnung eines Mietshauses, gleich neben dem Bürogebäude seines Werkes. Vielleicht, daß er in einer Villa wohnen könnte, wenn er wollte; jedenfalls die Wohnung spricht nicht gegen ihn. Der erste Eindruck seiner Erscheinung: jung, schlanker, dunkler Typ, humorvoll, klug, temperamentvoll, rheinisch. Da man viel Kritisches über seine Ideen gehört hatte, war man nach einer Weile gelinde dadurch überrascht, daß dieser schlagfertige Mann mehr und mehr den Eindruck einer originellen, "selbstdenkerischen" und soliden Gründlichkeit machte, wie sie den Menschen aus dem Bergischen Land, weiter östlich, eigen ist. Vielleicht, daß seine Vorfahren aus dieser Landschaft der Weber kommen.

"Seien wir modern!" sagte Spindler. "Zur Kriegszeit hat sich gezeigt, daß Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammenarbeiten können. Warum nicht heute? Den einen und den anderen hätte klar sein müssen, daß 1945 etwas Neues begann. Was geschah? Sie richteten beide wieder ihre alten Organisationen auf, die einen und die anderen. Es tauchten wieder die alten Gedanken auf, die alten Worte. Da ist das Wort von der ‚Krise‘, von vielen ‚Krisen‘. Und bei alledem vergißt man, daß es sich vor allem um die Krise der menschlichen Beziehungen handelt." – "Man sagt, daß Sie, Herr Spindler, gut reden haben, beispielsweise über die Frage der Tarife..." – Spindler: "Allerdings. Aber ich war ehrlich und habe unseren Arbeitern gesagt: ‚Mir sind die Tarife egal, ich komme mit jedem Tarif zurecht; ich bin bereit, stets 10 v. H. mehr zu zahlen, als es zwischen den Verbänden ausgemacht wird!‘ Ich tue dies übrigens seit drei Jahren. Natürlich ist mir dies vor allem durch die günstige Situation unseres Betriebes möglich. Gut also: Ich bin in der Position, daß ich – darin vielleicht ein Einzelfall – das Recht des Schwächeren anerkennen kann. Darüber hinaus aber ist allgemein wahr – und darin stimme ich mit dem Gewerkschaftsführer Boeckler überein –, daß die Arbeiter alle sozialen Fortschritte den Arbeitgebern mühsam abringen mußten. Weil sie sich dabei an ihre Organisationen halten, daher ist die Macht der Gewerkschaften so groß." – "Und das Recht der Mitbestimmung, das die Gewerkschaften wollen?" – "Ich will es auch. Aber – und darin bin ich mit Dr. Boeckler ganz und gar nicht einig – ich leugne, daß irgendwelchen Gewerkschaftsvertretern das Recht zustehen soll, in die Dispositionen irgendwelcher Unternehmer hineinreden zu dürfen. Ein Betrieb ist – wenn Sie so wollen – eine Welt für sich. So wie ein Streik meist nur schadet, so ist ein Dreinreden von draußen auch meist nur von Übel. Mitbestimmung? Unter Umständen: ja! Aber der Arbeiter muß erst mitdenken lernen, ehe er mitentscheiden kann!" – "Unter welchen Umständen, Herr Spindler?" – "Er muß Mitunternehmer werden!"

Da ist es heraus, das problematische Wort vom "Mitunternehmer", das in internen Kreisen so heftig diskutiert wurde! Spindler, der von seinem Betrieb sagt, daß auf personellem Gebiet die Forderungen der Gewerkschaften längst erfüllt worden seien, hat auch längst den Brauch eingeführt, daß er vor den Betriebsratsmitgliedern alle Vierteljahr Geschäftsbericht ablegt. Er ist bereit – und hat schon damit begonnen –, einen Teil, jeweils einen bestimmten, der Position, der Leistung des Arbeitnehmers angemessenen Anteil des Gewinnes auf ihn zu überschreiben. Ein Kapital, das natürlich in der Firma verbleibt. – "Allerdings, Herr Spindler, jetzt ist der Arbeitnehmer mitbeteiligt. Wie aber entscheidet er mit?" – "Ein Beispiel: Wir brauchen – nehmen wir einmal an – irgendeine moderne Maschinenanlage, das heißt: Unkosten heute, also vielleicht geringerer Verdienst, aber morgen mehr Gewinn. Warum soll ich die Arbeiter nicht fragen: Was wollt ihr? Die Mitunternehmer unter den Arbeitern werden sich für die neue Anlage entscheiden, auch dann, wenn ihre Anschaffung im Augenblick ihnen eine Einbuße bringt." – "Entscheiden sie sich wirklich so?" – "Sie entscheiden sich so," erwiderte Spindler, "wir hatten schon die Probe aufs Exempel. Denn echte Mitbestimmung bedeutet Mitverantwortung. Wer sich nicht so entscheidet,-ist – um bei konkreten Exempeln zu bleiben – etwa die junge Arbeiterin, die nicht sosehr interessiert ist, daß späterhin die Leistung des Werkes steigt. Sie will – so wollen wir annehmen – bald heiraten. Sie will kein Risiko, sie will ihren Lohn. Mitunternehmertum aber bedeutet nicht nur Anteil am Gewinn, sondern auch am Risiko. Mitunternehmer werden also immer diejenigen sein, die Verantwortung tragen wollen. Der Arbeiter kann Mitunternehmer werden, er braucht es aber nicht. Ist er’s, so haftet er auch, nämlich in Höhe seiner Einlage." – "Was aber, wenn der Arbeiter als Mitunternehmer ausscheidet?" – "Er erhält sein Kapital." – "Und was, wenn er als Mitunternehmen gegen die Interessen der Firma entscheidet?" – "Die allgemeinen Interessen gehen vor", erwiderte Spindler. "Das Werk ist die Arbeitsstätte aller, sowohl der Leute an der Maschine als im Büro. Das Werk geht vor. Wenn also der einzelne gegen das Werk entscheidet, so hat es diese Folge: Der einzelne erhält seinen Anteil ausgezahlt, er ist nicht Mitunternehmer mehr, er ist Tarifarbeiter wie zuvor. Er hat seine Chance nicht genutzt. Aber ob er sie nutzt oder nicht, der Mensch braucht eine Chance!"

Einfache Frage, einfache Antworten. Doch wie? "Braucht ein Unternehmen, keine Rücklagen für schlechte Zeiten?" – "Es braucht sie", sagte Spindler. Wie? Keinen Herren, der in schwierigen Situationen entscheidet? "Manchmal...", sagte Spindler. Es ist aber an dem, daß Spindler – neben einer in Düsseldorf erscheinenden Vochenzeitung – ein kleines, jedoch intensiv arbeitendes wissenschaftliches Institut gegründet hat, das ihm, was die Durchführbarkeit seiner Ideen betrifft, mitverantwortlich ist. – "Ein unruhiger, produktiver Geist, dieser Spindler", sagte in Düsseldorf ein hoher Ministerialbeamter, "unrubig, couragiert und solide. Warten wir’s ab..."