Die außerordentliche Konferenz, die alle Verantwortlichen der Evangelischen Kirche am Wochenende in Berlin-Spandau zusammenführte, war vor allem notwendig geworden durch die politische Aktivität Niemöllers, der als Leiter des kirchlichen Außenamtes eine bedeutende Funktion ausübt. Die Vertreter sämtlicher 28 Landeskirchen der deutschen Evangelischen Kirche, also aller evangelischen Bekenntnisse aus Ost- und Westdeutschland, waren versammelt. Kein Wunder, daß viele Deutsche von diesem ungewöhnlich vollständigen Gremium ein Wort zur Frage der deutschen Mitwirkung bei der europäischen Bewaffnung erwartet hatten. Aber eine eindeutige Klärung erfolgte nicht. Die Spannungen zwischen den einzelnen Landeskirchen waren zu groß.

Mit einem Kompromiß-Entscheid, der Niemöller in der Sache respektiert, in der Form aber verurteilt, endete vorerst diese gesamtdeutsche Gewissensprüfung. Erwähnt wurde sein Name nicht. Aber die Aufforderung, in politischen Äußerungen möglichst große Zurückhaltung zu üben, ist nach allgemeiner Ansicht unmittelbar an Niemöller gerichtet. Die Kirche hat sich durch die Spandauer Zusammenkunft also weder hinter Niemöller gestellt, noch hat sie sich von ihm getrennt. Sein hohes kirchliches Amt stand konkret überhaupt nicht zur Debatte. Wie Niemöller sich gegenüber diesem Beschluß entscheiden wird, vermag niemand vorauszusagen.

Am Tage zuvor geschah es ihm, daß seine alten Pfarrkinder in Dahlem, nicht so duldsam wie die Versammlung der Evangelischen Kirche, ihren ehemaligen Seelenhirten niederschrien. Von den Engländern und Amerikanern hatte er gesagt, sie kennten keinen anderen Nächsten als sich selbst, und von den Franzosen, daß sie ruhiger schlafen würden, wenn die 20 Millionen Deutschen der Sowjetzone tot wären. Die Berliner, die aus den Tagen der Blockade wissen, was sie dem Westen zu verdanken haben, bewiesen mehr politisches Verständnis als er, der viele Care-Pakete aus Amerika bekam. Sie zeigten auch ein besseres Christentum, da sie von ihrem ehemaligen Pfarrer nicht hören wollten, daß er ganze Völker kollektiv verdammte. K. W.