Von unserem französische Korrespondenten

Die neuen deutsch-französischen Handelsvereinbarungen mit einjähriger Gültigkeit beweisen einmal mehr, welche Strukturwandlungen mit und ohne Monnet-Plan in Frankreich sich anbahnen. Man liefert sich gegenseitig (ab 1. September 1950 gerechnet) Waren für rund je 1 Mrd. DM. Frankreich exportiert dabei etwa zu gleichen Teilen landwirtschaftliche und gewerbliche Produkte; Deutschland dagegen liefert „frei“ vornehmlich Maschinen und Chemikalien, in Kontingenten „gebunden“ in erster Linie Kohleprodukte. Das alles ist gegen den Hintergrund der gegenwärtig 60 v. H. betragenden Liberalisierung (bald 75 v. H. – jedenfalls noch während der Vertragsdauer), der Schuman-Plan-Verhandlungen, der Verrechnung über die Europäische Zahlungsunion und der deutschen Devisensituation im allgemeinen zu sehen.

Man ist beiderseits in der Finanzierungsmethode vorsichtiger geworden. Die Hälfte der kontingentierten Einfuhr soll bis Mitte Januar freigegeben sein; dann will man sich zusammensetzen, um zu prüfen, ob der Wertausgleich möglich ist. Und in der Tendenz will man ohne Schulden des einen oder anderen Partners den Vertrag über die Distanz bringen. Genauer: nach allem, was bisher denkbar ist, könnte nur die Bundesrepublik Schuldner sein. Aber wie sollte sie diese abdecken? Schon jetzt hat sie EZU-Kredite auszulösen – und dies auf einem möglichst hohen Niveau des Handelsvolumens; denn Ausfuhr bringt nicht nur Einfuhr. Umgekehrt eröffnet Import auch Exportmöglichkeiten,

Und an Einfuhren aus Deutschland ist Frankreich schon interessiert. Seine Wirtschaft rationalisiert – also Bedarf an Maschinen; seine Stahlindustrie ist mit Hilfe von ERP-Gegenwertmitteln heute überdimensioniert – also Zwang zum Import deutscher Kohleprodukte seine Marshall-Gelder werden gekürzt – also Umstellung auf dollarfreien Import. Umgekehrt besteht Exportzwang für landwirtschaftliche Produkte und Alkoholika. Lothringisches Erz und elsässisches Kali kamen schon immer zu uns. Der Kolonialbesitz weist Überschüsse an Bauxit und Hölzern auf.

Der neue Vertrag bringt Frankreich wieder ein Stück dem Ausgleich der Handelsbilanz bei einem Produktionsindex von 140 (1937 = 100) näher. Im ersten Halbjahr 1950 betrugen – und dies war ein Fortschritt – die Importe 548 Mrd., die Exporte 480 Mrd. ffrs. Frankreich braucht den Ausgleich! Denn der zweite Weltkrieg und die wirren Jahre danach haben das greifbare Auslandskapital aufgezehrt. Aus der Kapitalbilanz ist daher nicht viel zu erhoffen. Der Außenhandel muß den Ausgleich bringen, während seit 1913 (mit Ausnahme 1924 und 1925, 1934 und 1935) die Handelsbilanz immer defizitär war.

Untersucht man das Handelsdefizit näher, so ist dann weiter festzustellen, daß das Handelsvolumen mit fremden Ländern stetig geringer wurde bei leicht steigendem Umfang im Verkehr mit den eigenen (Kolonial-) Ländern. Die Bindungen im Innern wurden somit betont. Die äußeren konnten nicht betont werden, weil typische französische Exporte immer weniger gefragt wurden: Die „non essentials“ sanken in der Ausfuhr (in Francs-Werten von 1949) von 36 500 Mill. 1928 auf 889 Mill. ffrs in 1949 bei Seide; von 30 200 Mill. auf 782 Mill. ffrs bei Damen-Textilien; von 1322 Mill. auf 154 Mill. ffrs bei. Modeartikeln; von 635 Mill. auf 65 Mill. ffrs bei Seife, Dies ist nur eine bescheidene Auswahl.

Der Verlust dieser Märkte zwingt Frankreich zur Umstellung seines Exportwarenbündels. Das Gewicht liegt heute bei Eisen und Stahl (13,3 v. H. der Ausfuhr in 1949, 0,2 v. H. 1913), bei der Chemie (8,1 v. H. bzw. 3,5 v. H.) und bei der Landwirtschaft. Der Anteil des Agrarimports an der Gesamteinfuhr ist in den letzten Jahren von 25 v. H. auf 17 v. H. gesunken bei erst gleichbleibender Ausfuhr von 12 bis 14 v. H. und jetzt stark steigendem Export. Und diese Prozentzahlen beziehen sich auf ein nunmehr stetig wachsendes Außenhandelsvolumen.

Die Umstellung der französischen Ausfuhr auf neue Märkte geht weiter. Den Schuman-Plan wird man auch von dieser Seite betrachten müssen. A. R.