Als die Sowjetunion 1942 dringend amerikanische Hilfe an Flugzeugen und Kriegsmaterial brauchte, um der Niederlage zu entgehen, bequemte sich Stalin, sei es auch nur scheinbar, zu einigen Konzessionen an die amerikanische Öffentlichkeit, die trotz aller Anstrengungen Roosevelts ihre Vorbehalte gegen den Kommunismus nicht aufgeben wollte. Die Konzessionen bestanden hauptsächlich in der Auflösung der Komintern und in der Erleichterung der Religionsausübung in Rußland. Heute befindet sich Tito in einer ähnlichen Lage. Er braucht dringend einen Lebensmittelkredit von etwa 100 Millionen Dollar, wenn sein Regime nicht das Opfer der würgenden Wirtschafts- und Hungersnot werden soll, die in Jugoslawien eingetreten ist. Wieder ist es fraglich, ob die amerikanische Regierung die Bevölkerung und den Kongreß für die Anleihe an ein kommunistisches Land gewinnen kann. Infolgedessen muß auch Tito, so stolz er auch jede „politische Bedingung“ ablehnt, darüber nachdenken, wie er die wichtigsten Gegenstände der westlichen Kritik an seinem Regime beseitigen kann. Dazu gehört die Tatsache, daß der Erzbischof von Agram, Alois Stepinac, seit vier Jahren im Zuchthaus sitzt, wo er wegen angeblicher Kollaboration mit dem Feind, nämlich mit der ehemaligen kroatischen Regierung, sechzehn Jahre zu verbüßen hat. Da ein solches Partisanenurteil, gefällt von Leuten, die im Bürgerkrieg ihre Hemmungslosigkeit in jeder Weise gezeigt haben, rechtlich von niemandem ernst genommen werden kann, ist die Zuchthausstrafe des Erzbischofs einer der größeren schwarzen Punkte des Tito-Regimes. Es kommt hinzu, daß die Amerikaner überhaupt nicht viel von Strafprozessen gegen Bischöfe halten.

Das alles hat Tito veranlaßt, sich neuerdings mit dem Problem Stepinac zu beschäftigen. Einmal erklärte er, er werde Stepinac freilassen, wenn er sich verpflichte, zu emigrieren. Als darauf vom Heiligen Stuhl ein schroffes Nein kam, sagte er, man könnte Stepinac in ein Kloster bringen. Als auch hierauf keine günstige Antwort aus dem Vatikan kam, erlaubte Tito vor einigen Tagen dem Europakorrespondenten der New York Times Sulzberger, den Erzbischof im Gefängnis Lepoglava bei Agram zu besuchen.

Sulzberger fand Stepinac wohlauf, ausreichend ernährt und unter erträglichen Bedingungen in zwei geheizten Zellen untergebracht. Er unterrichtete den Erzbischof in französischer Sprache davon, daß Tito ihn auswandern oder in ein Kloster gehen lassen wolle. Stepinac antwortete „Ob ich in ein Kloster gehe, ob ich hierbleibe oder was sonst mit mir geschieht, ist mir vollkommen gleichgültig. Das hängt nicht von Tito ab, sondern einzig und allein vom Heiligen Vater ... Wenn Tito mich freilassen will, so sollte er mit ihm sprechen. Die katholische Kirche kann niemandes und keines Landes Sklave sein!“ – Es ist offensichtlich, daß ein politisches Urteil, das seinerzeit wie ein Triumph gefeiert wurde, sich in vier Jahren in eine große Verlegenheit verwandelt hat. Und das ist nicht nur mit diesem Urteil und nicht nur bei Tito so. H. A.