Das Pariser Stadtparlament scheint sich entschließen zu wollen, die sogenannten maisons de tolerance, die man nach dem Kriege in einer vorübergehenden Anwandlung von Puritanismus verboten hatte, erneut zu konzessionieren. Ein solcher Beschluß würde einem bemerkenswerten sozialen Experiment ein Ende setzen, das in diesen verlassenen Häusern inzwischen gemacht worden ist: Sie sind jetzt nämlich von Studenten der Pariser Universität und Hochschulen bewohnt.

Bald nach dem Kriege begann ein Mediziner, Philippe Paumelle, sich bei den Behörden dafür einzusetzen, daß man die Häuser zur Errichtung von genossenschaftlichen Wohngemeinschaften der Studenten, die ganz besonders unter der Pariser Wohnungsnot litten, zur Verfügung stellen solle. Die Hausbesitzer wehrten sich zwar dagegen, doch erreichten die Studenten schließlich, daß die Häuser beschlagnahmt und ihnen 1948 übergeben wurden. Das Erziehungsministerium gab sogar 1,7 Mill. Franken (damals etwa 50 000 Mark) zur Umwandlung der Häuser in Studentenwahnungen. So wurde die altberühmte Rue Blondel eine Studentenstraße. Nur der Besitzer des Etablissements „Aux Belles Poules“ leistete Widerstand und mußte durch Gerichtsbeschluß zur Übergabe gezwungen werden.

Seither haben sich die studentischen Gemeinschaften bewährt. Auch die Hausbesitzer haben anerkennen müssen, daß die Häuser tadellos gepflegt und instand gehalten worden sind. Von ganz besonderem Wert erwies es sich, daß in diesen Gemeinschaften Studenten der verschiedensten Nationalitäten zusammenwohnten und Freundschaft schlossen. So leben in einem der Häuser, das kaum dreißig Mieter hat, Studenten aus Tunis, Marokko, Vietnam, Martinique, Israel, Brasilien und aus den Vereinigten Staaten zusammen mit Studenten aus der französischen Provinz. Debatten zwischen Juden und Arabern über den Palästina-Konflikt verlaufen friedlicher als in Genf oder Lake Success.

Die ehemaligen Bewohnerinnen, die ihrem Gewerbe illegal in den umliegenden Straßen nachgehen, klopfen oft am die Türen, um medizinischen oder juristischen Rat der Studenten in Anspruch zu nehmen. Häufig klopfen auch distinguierte Gentlemen aus dem Ausland an, die höchlichst überrascht sind, wenn sie erfahren, daß das Haus eine fundamentale Wandlung durchgemacht hat, seit sie zuletzt in Paris waren. F.