Auch in der Textilwirtschaft des Bundesgebietes hat der politisch begründete Umschwung an den Weltmärkten tiefgreifende Veränderungen verursacht. Zwar kann sich das Angebot immernoch auf relativ reichlich ausgestattete Läger beim Groß- und Einzelhandel und vor allem auf eine noch bis in den Oktober hinein gestiegene Produktionsmenge stützen. Aber die Spinnstoffindustrie ist nun einmal zu etwa 70 v. K. auf ausländische Rohstoffe angewiesen, und die Weltmärkte haben sich seit Korea mit geringfügigen Schwankungen immer mehr zu Verkäufers Gunsten entwickelt; Wolle ist ein Seltenheitsgut geworden, auch Hartfasern sind knapp. Der Baumwollpreis ist, infolge der geringen Ernte in den USA (die gerade den heimischen Bedarf deckt, so daß für den Export zunächst nur etwas mehr als 2 Mill. Ballen aus dem Überhang des letzten Jahres freigegeben worden sind), auf fast 43 Cents gestiegen gegen 33,6 Cents im Monatsdurchschnitt Mai 1950. Unter diesen Umständen kann man der Versorgung mit ausländischen Naturfasern keine sehr günstige Prognose stellen.

Trotzdem lehnt das Bundeswirtschaftsministerium aus guten Gründen Planungsmaßnahmen ab, sucht aber durch eine schärfere Prüfung der Preise – für textile Fertigwaren – Verteuerungen für den Konsum nach Möglichkeit zu verhüten. Aber man ist wohl selbst zu der Einsicht gekommen, daß sich die von der Rohstoffseite her erhöhten Erzeugungskosten nicht mehr ganz auffangen lassen, auch nicht beeinflußbar sind. Wohl deshalb ist der schon kurz nach der Geldreform (im sogenannten Jedermann-Programm) aufgetauchte, aber rasch von der Entwicklung zum „Käufermarkt“ überholte Gedanke wieder erörtert worden, durch eine lose Erzeugungsplanung – etwa im Stil der englischen Utility Produktion – dafür zu sorgen, daß die vorhandenen Rohstoffe möglichst rationell und ohne „Fehlleitungen“ zu Waren verarbeitet werden, auf die sich die größte Nachfrage richtet. Gleichzeitig erwartet man anscheinend von einer Art „Normung“ günstige Rückwirkungen nun auch auf die Preise.

Angesichts solcher Gedanken – die sich noch nicht zu festen Plänen verdichtet haben – gewinnt der von der Hamburger Behörde für Wirtschaft schon früher unterbreitete „Vorschlag zur Qualitätsnormung und -kennzeichnung von Textilwaren und Schuhen“ erneut an Interesse. Auch er war in den ersten Monaten des Jahres durch die Entwicklung überlagert worden, weil das verstärkte Angebot dem Gesetz des Wettbewerbs volle Geltung verschaffte und automatisch für Rationalisierung und Verbilligung der Produktion und der Verteilung von Textilien sorgte. So kam es auch nicht dazu, daß der Vorschlag, wie beabsichtigt, als Gesetzentwurf den Parlamenten vorgelegt wurde. Unter den geänderten Verhältnissen besteht immerhin die Möglichkeit, daß in irgendeiner Form auf ihn zurückgegriffen wird. Die Verwirklichung des Gedankens, wenigstens einen Teil der Bekleidung nach Qualitäten und Größen zu normen, wäre aber mit so tiefen Eingriffen in den Wirtschaftsablauf verbunden, daß die endgültigen Ergebnisse selbst für den Praktiker und Fachmann schwer zu übersehen sind; er hat daher einige Ursache, sich damit näher zu befassen, ehe aus Vorschlägen Vorschriften werden.

Das bezieht sich vor allem auf die Qualitätsnormung. Man verweist darauf, daß gerade in der Bekleidungsindustrie mit ihren vielen Markenartikeln praktisch bereits eine Art Normung besteht; der Verbraucher verbindet bei einer ganzen Reihe von Erzeugnissen mit der Marke bestimmte Qualitätsvorstellungen. Die in der Begründung des Hamburger Vorschlags geäußerte Meinung, daß bei Textilien und Schuhen kaum der Konsument (und ohne Hilfsmittel nicht einmal der Fachmann) die Qualitäten der Bestandteile und der Verarbeitung feststellen könne, ist zwar genau richtig. Und doch wird heute kein Fabrikant mehr wagen, Ware, deren Qualität nicht hält, was er versprochen hat, herzustellen; noch weniger wird der Handel geneigt sein, solche Ware abzunehmen und dem Verbraucher anzubieten. Denn dieser beurteilt den Anzug, das Kleid, das Oberhemd oder die Schuhe sehr kritisch danach, wie „sie sich tragen“. Verarbeitung und Material sind ihm im Grunde gleichgültig, wenn sich die Erzeugnisse im Gebrauch bewähren. Gerade die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt, daß die „Strapazierfähigkeit“ bei der Bekleidung zum entscheidenden Faktor geworden ist. Der Verbraucher lernt mehr und mehr, daß Anpreisungen wie „reines Kammgarn“ oder „Auslandsware“ Schall und Rauch sind, da es ja gutes und schlechtes Kammgarn, ausgezeichnete und auch minderwertige Auslandsware gibt.

Auf einem „Käufermarkt“ die Qualitäten von Amts wegen zu normen, wäre ziemlich sinnlos und müßte den Ausleseprozeß stören. Aber auch unter den veränderten Umständen wäre es sehr schwierig, Textilien so zu klassifizieren, daß der Verbraucher damit etwas anfangen kann. Mit zwei bis drei „Klassen“ ist es nicht getan, denn in jede solche Stufe würde eine Vielzahl von Artikeln hineinpassen. Würde man aber die Normung so „fein“ gestalten, daß die Unterscheidungen hinreichten, so sähe sich der Konsument einer verwirrenden Fülle von Klassen und Stufen gegenüber, ganz abgesehen davon, daß kein Amt der Welt diese Vielzahl von Qualitäten überwachen könnte. Und endlich ist der textile Herstellungsprozeß so konpliziert, daß aus genau denselben Rohstoffen, nach der Behandlung etwas ganz anderes entsteht. Zum Beispiel verstehen es Schweizer – und allmählich auch manche deutsche – Veredler, reines Zellwollgewebe so vollendet auszurüsten, daß sie Stoffen aus Naturfaser in nichts nachstehen. Wer will ein amtliches Schema diese Fülle der Qualitäten, die noch dazu auf die mannigfachste Art zustande kommen, klassifizieren? Hier kann nur der Verbraucher den Ausschlag geben, indem er schließlich aus einer Unzahl von Erfahrungen den Gebrauchswert ermittelt und seine Nachfrage dannach einrichtet. Produktion und Handel wissen längst, daß ihnen dadurch die Sorge um unausgesetzte Verbesserung der Qualitäten mit einem Nachdruck aufgezwungen wird, den kein noch so drakonisches Amt zu entwickeln vermöchte,

Dieses „höchste Urteil des Verbrauchers“, wie es Prof. Erhard kürzlich in einer Rede genannt hat, kann durch keine „Normung“ und auch nicht durch eine „Produktionslenkung mit leichte Hand“ ersetzt werden. Wenn sich der Staat auf marktkonforme Maßnahmen beschränken und nicht bei einer „Bewirtschaftung des Mangels“ enden will, kann es sich nur darum handeln, die Fertigung „ausgefallener“ Muster und Qualitäten und solcher Waren zu verhüten, an denen nur eine kleine Verbraucherschicht Interesse hat Das könnte zu einer „optimalen Verwendung“ der Textilrohstoffe beitragen – wobei freilich im Auge zu behalten ist, daß man das Optimum schwer feststellen kann, wenn Spannungen zwischen Angebot und Nachfrage die Wahl des Verbrauchers beeinträchtigen, und daß die Rücksicht auf den Export eines reiches Fertigungs-Sortiment verlangt. Deshalb wird, wenn etwaige staatliche Maßnahmen auf dem Textilgebiet nicht mehr Schaden als Nutzen stiften sollen, mit äußerster Vorsicht vorgegangen werden müssen. Ob dabei aus dem Hamburger Vorschlag dieser und jener Gedanke übernommen werden könnte, bliebe abzuwarten. h. m.