Während die Völker Europas hinreichendenGrund haben, sich auf Vergeben und Vergessen des Vergangenen zu einigen und alles zu vermeiden, was den. Zusammenschluß des alten Kontinents zu gemeinsamer Abwehr der östlichen Drohung stören könnte, gibt es noch immer Anzeichen dafür, daß man von der Einsicht dieser Situation hier und da noch recht weit entfernt ist.

Durch das Land Baden wandert gegenwärtig eine Ausstellung neuer französischer Schulbücher. Der Gedanke, den das „Comissariat pour le Und Baden – Affaires culturelles“ damit verfolgt, erscheint zunächst begrüßenswert: Deutsche Lehrer und Erzieher, aber auch die Schüler sollen Anregung für die eigene Arbeit erhalten, sollen Vergleichsmöglichkeiten gewinnen, die zum Verständnis unseres Nachbarvolkes beitragen.

Dem Beschauer fallen Anschaulichkeit und Farbigkeit der Fibeln besonders ins Auge. Auf den meisten Bildern sind die französischen Farben zu sehen, vielleicht manchmal etwas zu grell. Oberraschend ist ein Volksliederbuch, – mehr für die Hand des Lehrers als für die des Schülers bestimmt –, dem wir in Deutschland nichts Ähnliches gegenüberzustellen haben. Neben den bekanntesten französischen Liedern sind von 17 fremden Ländern 55 der schönsten und bekanntesten Volksweisen aufgeführt; eine verdienstliche Sache, die dazu beiträgt, jungen Menschen frühzeitig den Blick über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg zu weiten. „Trésor des plus helles melodies de tous les temps et de tous les pays“ Les Editions Edsco – Chambéry 1947).

Leider stellt man aber bei der Durchsicht der Geschichtsbücher einige Dinge fest, die jeden Pädagogen mit ernster Sorge erfüllen müssen. Der Geist des Militarismus, der uns so heftig vorgeworfen wird (und der in der französischen Kinderspielzeugindustrie so üppige Blüten treibt) schreit geradezu aus diesen Büchern. In vielen Abhandlungen wird der Haß gegen Deutschland gezüchtet. Ist es notwendig, Kindern Gedichte wie „Dans les Geöles allemandes“ und „Marche française“ vorzusetzen? („Les Auteurs du nouveau Programme“ Fernand Nathan – Editeur, Paris 1948). Muß die Tendenz gegen Deutschland sich gleich folgendermaßen äußern: „Jenseits des Rheins erstreckt sich ein kaltes und armseliges Land, mit Wäldern und Sümpfen bedeckt: Germanien. Es war von kriegerischen und brutalen Völkern bewohnt: den Germanen. Sie kamen in Horden ... sie plünderten, brannten und massakrierten.“ (S. M. Chaulanges „Histoire de France“ cours moyen classes de 8.e et 7.e Librairie Delagrave – Paris 1950, S. 13.) So geht es in den folgenden Kapiteln fort und werden in der Hauptsache nur Kriege und französische Waffentaten aufgezeigt. („Nach einem dritten, schwereren Kriege wurde Straßburg französisch“ (1697). Daß diese Darstellungen sich zu historischen Unwahrheiten steigern (über 1914: „Wilhelm II., der den Konflikt wünschte“ S. 183) können wir nur schmerzlich vermerken.

Erschreckend ist der Inhalt von Bernard et Redon „Notre premier livre d’histoire“ cours elementaire, Fernand Nathan – 1950 Paris. Aus der neuesten Zeit werden ausschließlich Kriegsbilder gezeigt: Die Marneschlacht, Clemenceau im Schützengraben, siegreicher Einzug der Franzosen 1944 in Paris. Das Motto über dem Kapitel vom ersten Weltkrieg lautet: „Deutschland träumt seit mehr als hundert Jahren von der Weltherrschaft. Es wirft sich. mit Vorliebe auf seine Nachbarländer, um sie zu erobern und sie zu unterwerfen“, S. 119. Und über den zweiten Weltkrieg lesen wir: „Die Franzosen waren Sklaven auf ihrem eigenen Boden... Der Okkupant bekam es mit der Angst zu tun, warf Tausende von französischen Patrioten ins Gefängnis und folterte sie, er ließ sie in Deutschland vor Hunger sterben.“ S. 123.

Jeder Erzieher weiß, wie weich, empfindsam und aufnahmebereit die Seele des Kindes ist. In der Schulzeit wird der Grund für den erwachsenen Menschen gelegt. Wird in diesen Jahren die jugendliche Seele schlecht beeinflußt, so ist der Schaden nie wieder gutzumachen. Lehrer und Erzieher tragen eine riesenhafte Verantwortung. Von ihnen hängt es ab, wie sich die Zukunft der europäischen Völker gestaltet. Hermann Heidegger