In dem Communiqué zum Schuman-Plan vom 9. Mai findet sich folgender Satz: „Europa, mit neuen Mitteln zu seiner Verfügung, wird in der Lage sein, die Erfüllung einer seiner wesentlichen Aufgaben, die Entwicklung des afrikanischen Kontinents, zu verfolgen.“ – Darin liegt auch die Aufforderung an uns, uns an der Entwicklung des afrikanischen Kontinents und insbesondere des französischen Kolonialbesitzes in Afrika zu beteiligen.

Diese in Deutschland zuerst mit großer Freude aufgenommene Anregung ist dann relativ unbeachtet geblieben, da man sich mehr mit dem eigentlichen Schuman-Plan befaßte. Ich glaube aber, daß gerade diese Anregung aus den verschiedensten Gründen die stärkste Aufmerksamkeit verdient. Man ist sich in Deutschland nach der jahrelangen Absperrung von der Welt gar nicht genügend des Umstands bewußt, über welch ungeheures Kolonialgebiet Frankreich in Afrika verfügt und welch große Entwicklungsmöglichkeiten dort noch vorhanden sind. Man gibt sich auch mangels ausreichender Unterrichtung bei uns gar nicht genügend Rechenschaft darüber, was die französische Regierung und die französische Wirtschaft in der Entwicklung dieses ungeheuren Kolonialreichs geleistet haben.

Im Rahmen dieser Ausführungen ist es nicht möglich, auch nur anzudeuten, was in dem französisch-afrikanischen Kolonialgebiet schon alles entwickelt ist und was noch entwickelt werden kann. Es wäre sehr erwünscht, wenn auf Grund der in Frankreich in reichstem Maße vorhandenen Literatur über das französischafrikanische Kolonialreich in Deutschland von qualifizierter Seite eine systematische Aufklärung in Zeitschriften- oder Buchform erfolgte.

Wir besitzen seit 1918 keine Kolonien mehr. Die Möglichkeit, sich bei der Entwicklung kolonialer Gebiete zu betätigen, ist nicht nur wirtschaftlich bedeutungsvoll, sondern sie hat für alle die Länder, die über Kolonien verfügen, auch eine nicht zu unterschätzende psychologische und damit politische Bedeutung. Für die Länder des übervölkerten westlichen Europas – und heute sind wir das am stärksten übervölkerte-Land – hat es einen gar nicht abschätzbaren Wert, daß tüchtigen jungen Kaufleuten und Ingenieuren die Möglichkeit geboten werden kann, sich bei der Entwicklung unerschlossener oder halberschlossener Kolonialgebiete zu betätigen.

Wenn uns durch das Angebot der französischen Regierung dieser Anreiz jetzt geboten wird, dann wird er in keiner Weise dadurch gemindert, daß es sich um eine Tätigkeit in einem Gebiet handelt, das nicht unserer Souveränität untersteht.

Natürlich hat – vorläufig noch – das für das Kolonialgebiet souveräne Land den Vorteil der einheitlichen Währung, während z. B. für uns eine Mitwirkung an der Entwicklung des französischafrikanischen Kolonialgebiets die Schwierigkeit mit sich bringt, daß uns, wegen der Notwendigkeit, unsere Devisenbilanz sorgsam zu pflegen, zunächst nur relativ beschränkte Mittel für Investitionen in ffrs. zur Verfügung gestellt werden können. Bei der Bedeutung der Afrikafrage aber kann man mit Sicherheit annehmen, daß seitens der Regierung und insbesondere der Bank deutscher Länder das Möglichste geschehen wird.

Wirtschaftlich hat für uns die Afrikachance via Schuman-Plan eine doppelte Bedeutung. Das französisch-afrikanische Kolonialreich ist, je weiter seine Entwicklung fortschreitet, ein um so interessanterer Absatzmarkt auch für unsere Fertigwaren. Es ist auch ein interessanter Markt für Investitionsgüter, besonders für die, die in solchen Unternehmungen gebraucht werden. Umgekehrt ist aber das französisch-afrikanische Kolonialgebiet heute schon eine für uns sehr beachtliche Bezugsquelle für Lebensmittel und Rohstoffe. Es ist z. B. der Mineralreichtum, der zum Teil noch ganz unerschlossen dort liegt, der uns eine Beteiligung an der Entwicklung gerade dieser Möglichkeiten sehr reizvoll machen muß; denn die Deutsche Bundesrepublik ist in weitgehendem Maße auf die Einfuhr von Erzen (Eisen, Kupfer, Blei, Zink) angewiesen.