Als vor einigen Monaten der umstrittene Film „The Snake Pit“ in Deutschland zu sehen war, kannten nur wenige den Roman, der Anregung und Vorbild dafür gewesen war. Jetzt liegt die deutsche Ausgabe von Mary Jane Wards Bestseller „Die Schlangengrube“ vor (Keysersche Verlagsbuchhandlung, Heidelberg, 336 S., Leinen DM 9,–), der in der Ich-Form die Stationen bis zur Heilung einer Nervenkranken schildert und niemals die strenge Abgeschlossenheit der Anstalt verläßt. Was rief den sensationellen Erfolg dieses ungewöhnlichen Buches hervor? Es ist nicht allein die präzise und feinfühlige Erzählweise der jungen Amerikanerin, sondern ganz besonders eine fast zärtliche Güte, die, gepaart mit gesundem Mutterwitz und erfrischender Ironie, hier ein anschauliches und packendes Bild aus der Perspektive der Kranken erstehen läßt und in der umnachteten Virginia Cunningham mit behutsamen Mitteln eine zugleich rührende und faszinierende Gestalt zeichnet. Kritik an falschen Heilmethoden und an den Zuständen in der Anstalt Juniper Hill will der Roman, schon seiner Form nach, nicht üben; er enthält nur, zwischen den Zeilen, die Forderung, sich der Pflege dieser Kranken stärker als bisher anzunehmen. Erst der Film hat daraus eine Anklage gegen gewisse Mißstände der amerikanischen Psychiatrie gemacht, und so ist das Wort „Schlangengrube“ zu einem negativen Begriff geworden, wie es Prozesse dieser Wochen beweisen. L. H.