Erziehung zur Wirklichkeit – Pädagogen tagten

Stuttgart,im November

Man sollte es viel mehr tun –: aus der Schule plaudern nämlich und mit der Schule ins Gespräch kommen! Man sollte lebendige Beziehungen zwischen Schule und Haus herstellen, zwischen allen – o schreckliches Wort! – „Erziehungsberechtigten“. Man sollte zu einer „Erbendigen Erziehung“ kommen. Das war die überraschend einhellige Tendenz einer Tagung der „Deutschen Gesellschaft für Erziehung“ auf der Solitude bei Stuttgart. („Lebendige Erziehung“ aber heißt eine pädagogische Monatsschrift, die in München erscheint, die nicht nur die Pädagogen, sondern alle „Erziehungsberechtigten“ angeht.)

Überraschend war diese Einhelligkeit bei einem so bunt gemischten Gremium aus Fachpädagogen, pädagogischen „Amateuren“ und – allerdings sehr wichtigen – „Außenseitern“ von Film und Schulfunk. Große Einmütigkeit herrschte bei in- und ausländischen Gruppen, die alle auf ihre Weise um eine zeitgemäße Erziehung bemüht sind. Und allgemein war das Bestreben, das Zerrbild vom Schulmeister aufzulösen, den Lehrer in die Welt und die gegenwärtige Wirklichkeit zu ziehen, ihn als die wichtige Persönlichkeit darzustellen, die er in unserem öffentlichen Leben ist und sein muß. Gefordert wurde, daß die Lehrer eine wirtschaftlich bessere Stellung einnehmen. Um so mehr werden sie ihre Freizeit zur eigenen Fortbildung benutzen. – Gefordert wurden aber auch Reformen der schulischen Praxis. Man diskurierte über die allgemeine Einführung von Gruppenarbeit (team-work), welche die Kinder aus dem starren Klassenverband lösen und sie in kleinen Gemeinschaften um eine sachliche, möglichst mit ihrer Umwelt in Beziehung stehende und ihrem Alter angemessene selbständige Arbeit versammeln soll. In diesem Programm ist bereits die Schülermitverwaltung enthalten, die eine tätige Anteilnahme des Schülers an den allgemeinen Angelegenheiten in der Schule vorbereitet. Die Diskussionen endeten schließlich bei einem entschiedenen, wenn auch nicht ohne Widerspruch aufgenommenen „Aufruhr“ gegen die Allgewalt des Pensums, gegen die willkürliche Begrenzung des Lehrstoffes in Fächern. Man konnte kühne Worte aus dem Munde bewährter Lehrer hören – wie das Wort, daß es nötig und höchste Zeit sei, den Ballast an Wissensstoff über Bord zu werfen, um das Lebendig-Wissenswerte zu retten. Diese Worte können mißverständlich sein. Sie waren nicht als eine antigeistige Tendenz gemeint. Aber die Frage, ob der Wissensstoff, der sich täglich vermehrt, bewältigt werden kann und wie, wird, wenn überhaupt, sicher nicht ohne Verzicht und Verlust an bloßer Stoffmenge beantwortet werden können.

Eine Wurzel vieler Übel bei uns zulande – das schiefe Verhältnis mancher Menschen zur Wirklichkeit, die Verachtung der jeweiligen Gegenwart, der romantische Schimmer, mit dem wir eine imaginäre „gute alte Zeit“ gern aufputzen – sei in der Isolierung des heranwachsenden Kindes in der gegen das übrige Leben abgeschlossenen Scheinwelt der Schule zu suchen, so hieß es, in dem Mangel an Zusammenhang mit den Kräften seiner eigenen Zeit, in der Unkenntnis der Mittel dieser Zeit. Zusammenhang, Zusammenwirken, Zusammenleben – das sind tatsächlich die Keimworte einer Erziehungsarbeit, von der wir uns eine Verwirklichung des alten Satzes erhoffen, der da sagte: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“

Was sich hier in den pädagogischen Bemühungen anzeigt, spiegelt eine Formulierung wider, die bei einer Debatte „über das kulturelle Vermögen des Arbeiters“ gefunden wurde: Kulturelle Leistung (auf die ja in jedem Sinne jede Erziehung abzielt) sei es schon, bessere menschliche Beziehungen herzustellen – in der Ehe, in der Freundschaft, in der tätigen, sachlichen Zusammenarbeit. Diese Erkenntnis und nicht das in einem Pensum festgelegte Bildungsziel müsse uns überall den Maßstab geben – auch für eine lebendige Erziehung.

Kyra Stromberg