In einer Pariser Metro-Station stürzte sich dieser Tage ein Mann vor einen einfahrenden Zug, der vorher ganz ruhig dagestanden hatte, als wartete er nur auf den Zug. Die Polizei fand zwei Briefe in seiner Tasche; in dem einen versicherte er, daß er nicht das Opfer eines Verbrechens sei, im anderen vermachte er seine geringfügige Habe einem Freund namens Gazzoni. Es war der 52jährige Zirkus-Clown Gabriel Geretti, der noch vor einigen Wochen als einer der drei berühmten Fratellinis in England Tausende von Menschen Abend für Abend zum Lachen gebracht hatte.

Geretti war zu den Fratellinis gestoßen, als der jüngste der drei berühmten Brüder starb und ein neuer Partner engagiert werden mußte. Mit den Fratellinis zog er von Stadt zu Stadt, vornehm-’ lich an der englischen Südküste, und teilte ihre Triumphe. Vor einiger Zeit aber zogen sich die beiden Brüder Fratellini, die bereits die hohen Siebzigerjahre erreicht hatten, von der Bühne zurück, als ihr letzter englischer Kontrakt endete. Von da ab war der Clown Geretti arbeits- und brotlos. Er machte viele Anstrengungen, aber er fand kein Engagement mehr. Schließlich nahm er eine kleine Rolle in einem Film an. Aber das Schicksal wollte es, daß kurz darauf noch einmal eine Chance in sein Leben trat: eine Zirkusgesellschaft machte ihm das Angebot, an einer mehrmonatigen Tournee in Nordafrika teilzunehmen.

Es war zu spät. Geretti konnte sich von der ganz unbedeutenden Filmverpflichtung nicht mehr losmachen, und die Konventionalstrafe konnte er nicht bezahlen, weil er nichts hatte. So reiste der Zirkus ohne ihn ab. Vor einigen Tagen ging Geretti zu der Filmgesellschaft und spielte die kleine Rolle, die man ihm aufgetragen hatte. Dann schrieb er die beiden Abschiedsbriefe. – Niemand konnte jetzt noch über ihn lachen, auch der Erbe nicht. Denn seine Hinterlassenschaft bestand aus einem Clownkostüm und einigen Büchsen Schminke. F.