München, im November

Victor Gsovsky, der neu bestellte Ballettmeister der Bayerischen Staatsoper, aus Paris zu uns gekommen, hat mit seinem ersten großen Ballettabend im Prinzregententheater dem Publikum getrost einiges zugemutet. Er brachte neben Tschaikowskys „Schwanensee“ gleich zwei Uraufführungen, und das Ganze währte dreieinhalb Stunden. Aber dem Publikum war es keinen Augenblick zuviel. Es begann schon bei „Schwanensee“ sich bei offener Bühne zu bedanken, und Jubel und Hervorrufe wollten am Schluß kein Ende nehmen. Die Münchner haben es in sich, Gott sei Dank auch im Guten, und wenn man ihnen so kommt, wie die neue Primaballerina ihnen an diesem Abend gekommen ist, so fühlen sie sich zum Davontragen auf den Schultern aufgelegt. Sie heißt Irene Skorik. Gsovsky hat sie von dem Ballet des Champs Elysees, das er zuletzt leitete, mitgebracht.

Gsovsky, dem klassischen Stil des Balletts verschworen, hält von dem modernen Ausdruckstanz ‚so gut wie gar nichts. Gleichwohl, bei der Uraufführung des Balletts nach Shakespeares „Hamlet“ von Tatjana Gsovsky, zu denn Boris Blacher die Musik geschrieben hat, mußte auch er zulassen, daß Ballett und Ausdruckspantomime sich stellenweise miteinander vermischten. Das liegt in der Natur der Sache. Dieses Ballett hält sich in knapper Zusammenballung nämlich durchaus an die dramatischen Begebenheiten von Shakespeares Dichtung, deren wesentliches Element aber doch das gesprochene Wort bleibt. Ihre Umsetzung in eine Kunstform, die allein auf die Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers verwiesen bleiben will, wird nur da vollkommen überzeugen, wo die Möglichkeiten dazu sich schon in der Dichtung andeuten. Eine Ophelia, die sich allein auf die Kraft des gesprochenen Wortes verlassen wollte, wenn sie in der Wahnsinnsszene Rosmarin und Raute überreicht, bliebe ebenso vieles schuldig, wie ein Hamlet, der nicht fechten kann. So wurden denn Szenen dieser Art zu den eigentlichen Höhepunkten des mimischen Spieles. In sanfter Auflösung ließ Irene Skorik eine liebliche Natur vor unseren Augen dahinschwinden. Fast vergaßen wir darüber, daß sich diese große Künstlerin auch hier keinen Augenblick eine Überschreitung der unnachsichtig strengen Gesetze ihrer Kunst gestattete. Ebenso zeigten Franz Baur und Heino Hallhuber in den Fechtszenen besonders, über welche hervorragende Kräfte auch das männliche Personal des bayerischen Staatsballetts verfügt.

Boris Blachers Musik, von Robert Heger meisterhaft dirigiert, ist eine echte Ballettmusik, mit einer freilich durchaus nicht einfach zu durchschauenden Partitur, wenn sie sich in großen Partien auch auf kühn gesetzte rhythmische Akzente zu beschränken scheint. Ein Summchor, dem Chor in der antiken Tragödie vergleichbar, verstärkt die Wirkung des begleitenden Orchesters an den dramatischen Kernstellen mit entsetzten oder klagenden Ausbrüchen. Bei dem Misericordia aber gab es fast eine Überraschung: melodische Führungen, die aus. der Nacht des Entsetzens mit ergreifender, trauervoller Schönheit hervorblühen. Unvergeßlich auch, wie er das Wasser Opheliens Leib aufnehmen läßt Hier bewirkt Musik allein, daß wir, wie in einer Verzauberung eines Vorganges inne weiden, der unserem leiblichen Auge durch den bloßen szenischen Anblick – Ophelia liegt auf der nackten Rampe ausgestreckt –, sogar verstellt erscheint.

Den Beschluß des Abends bildete der „13. Juli“, ballett bouffo von Victor Gsovsky, in dessen eigener choreographischer Einrichtung zu Musiken von Jacques Offenbach. Hier gab es mit hinreißend exakt und charmant zugleich getanzten Quadrillen, Trippeltänzen, Pas de trois und Cancans für die Liebhaber des ausgelassenen moussierenden Balletts, zur Belohnung gewissermaßen für das verständig brave Aufnehmen der heilsam bitteren Hamletkost, eine denn auch jubelnd bedankte Bonbonniere, gefüllt mit lauter Lieblichkeiten. Vor einem besonders geglückten Montmartre-Bild von Helmut Jürgens wirbelten Midinetten, Anstreicher, Apachen, Kunstmaler, Feuerwehr und Schutzmannschaft zu den prickelnden Rhythmen von Offenbach mit einer spritzigen Akkuratesse und mit einer Lust an der Sache über die Bühne, wie man sie beim Staatsballett lange nicht mehr erlebt hat. Fast möchte man von Ausgelassenheit sprechen, wenn man nicht wüßte, mit welcher eisernen Selbstzucht und welcher unerbittlichen Führung allein etwas erreicht werden kann, das hernach zur beglückten Erheiterung der Zuschauer wie aus dem improvisierenden Augenblick geboren scheint. P. A.