München, Ende November

Die Anzeige dieses Films, für den Max Ophüls eine erlesene französische Besetzung zusammengebracht hat, stellte unter anderem „reizvolle Pikanterien“ in Aussicht. Aber die Liebhaber von dergleichen sollten enttäuscht werden. Jedesmal wurden die Jalousien beizeiten geschlossen, oder das Licht erlosch, und als wir einmal doch mit der Kamera hoch über ein zärtliches Paar zu schweben gekommen waren, zwackte Adolf Wohlbrück unter bedauerndem Singsang mit der Zensurschere den Streifen just an dieser Stelle ab. Er ist der befrackte Ansager und sonst in allerlei Verkleidungen der Einpeitscher und Gelegenheitsmacher dieses aus Realismus, Surrealismus und Parodie gemischten Filmes.

Auch für seine deutsche Fassung ist es dabei geblieben, daß, vom Conferencier abgesehen, durchweg französisch gesprochen wird. Ein sehr glücklicher Einfall: in keiner anderen Sprache wäre es heute möglich, so überaus heikle Themen mit so vergnügt interessiertem Charme bereden zu lassen. Das hängt mit der unbefangeneren Natur der Franzosen zusammen. Sie verfügen sogar über ein unbekümmert sachliches Wort für den intimen Vorgang, um den sich dieser Reigen dreht, mit trübseliger Monotonie freilich, wie das Gedudel des Karussells, das zwischen seine einzelnen Figuren immer wieder symbolisch eingeblendet wird. Die deutschen Texteinschriften aber und das Eingangsliedchen vor allem, in dem uns vorgetragen wird, wer alles mit wem allem es treibe, scheinen es geradezu darauf abgesehen zu haben, die Unmöglichkeit einer entsprechenden Übersetzung zu beweisen.

Kein Wort der Bewunderung nämlich wäre zuviel für die schauspielerischen Leistungen der französischen Darsteller. Sie posieren nicht und schneiden keine Grimassen, sondern sind auf eine beglückend redliche Weise immer das Leben selber. So versöhnen sie selbst mit Szenen, bei denen sich sonst leicht das peinliche Gefühl einstellen könnte, versehentlich die falsche Tür aufgemacht zu haben, durch spielende Heiterkeit und anmutige Ironie des Vortrages. Gleichwohl: das Straßenmädchen mit den fürs Militär reduzierten Preisen, der Liebhaber, dessen Panne durch das funktionelle Versagen des Karussells verdeutlicht wird, der Ehemann, der mit einstweilen chevaleresk verhehlter Entschlossenheit zunächst auf gemeinsamer Erinnerung an die Hochzeitsreise besteht –, und so fort nach dem Eingangskanon –, es bleibt ein mit keiner noch so graziösen Regie und Kameraführung zu bewältigender Rest von Peinlichkeit. Damit vermutlich und mit der durch die Natur der Sache bedingten Einförmigkeit der einzelnen Episoden mochte es zusammenhängen, wenn ein weder prüdes noch zu sittlicher Entrüstung aufgelegtes Publikum dem vielfach preisgekrönten Film (siehe „Die Zeit“ vom 12. November 1950) bei der deutschen Erstaufführung in München nur einen flauen Willkomm bereitete.

Paul Alverdes