Von Irene Seligo

Das portugiesische Dörfchen Fatima-ist für die katholische Welt das Lourdes des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. 1917 sahen dort drei Hirtenkinder die verklärte Jungfrau Maria und vernahmen von ihr Botschaften, die sich seither bewahrheitet haben. Der damalige Monsignore Pacelli – heute Papst Pius XII. – empfing von den Berichten Eindrücke, die für die Richtung seines religiösen Sinnes entscheidend wurden. Er deutete das Wunder von Fatima als Bestätigung des alten kirchlichen Glaubens an die leibliche Auferstehung der Gottesmutter. Die Proklamation des Dogmas von Mariä Himmelfahrt ist das letzte Glied einer Entwicklungsreihe, die im verkarsteten Hochland Portugals begann.

Fatima liegt ein paar Kilometer landeinwärts von der mittelportugiesischen Küste in einer steinigen Hochebene, über deren langen kahlen Hügelrücken und weit offenen Talmulden Land- und Seewinde sich treffen. Serra d’Aire, Luftgebirge, sagen die Einheimischen; es stürmt und gewittert viel an dieser Klimascheide; weite Horizonte, stark leuchtende Himmel beleben die sonst eintönige Landschaft. Sie ist arm an Flüssen und Quellen, aber nicht an Grundwasserbrunnen, also auch keine der steppenhaften Einöden, die es weiter innen gibt, sondern ein Kleinbauernland, voller geduckter, ärmlicher Dörfchen. Hier und da reifen in ummauerten Gärten Feigen, Aprikosen, Apfelsinen; an geschützten Abhängen und in den Mulden gedeihen außer kurzstämmigen -Steineichen und Oliven auch Mais und Gemüse, sogar Weizen und Wein, der bei Kennern einen Namen hat; kleine Schafherden, von Kindern gehütet, weiden dazwischen streng duftende Kräuter ab. Die maurisch dunklen, grobgesichtigen, kleinwüchsig gedrungenen Leute, die hier leben, sind fleißig, freundlich, starrköpfig, von einer urtümlichen Insichgekehrtheit. Die, Gegend hat jahrhundertelang niemanden reich werden lassen oder von außen herzugelockt; keine der alten Heer- und Handelsstraßen berührt sie; im Herzen des historischen Portugal, nur wenig abseits der großen Schlachtfelder, der reichen Herrenhäuser, Klöster und Burgen hat sie sich wie eine Enklave des nüchternen Urzustands erhalten.

Am 13. Tag jeden Sommermonats

Sie hat sich so erhalten bis heute, obwohl neuerdings von allen Hauptstraßen die breitesten modernsten Verbindungswege in die noch gestern kaum zugängliche Einsamkeit führen, die zu einer Art nationalem Zentrum geworden ist, seit am 13. Mai 1917 dort in einer Mulde bei Fatima drei Hirtenkindern des Dorfes die Mutter Gottes erschien. Man braucht jetzt von Lissabon im Wagen nur etwa zweieinhalb Stunden zu dem Wallfahrtsort der „Cova da Iria“. Freilich gilt das nicht an den „Erscheinungstagen“, dem Dreizehnten jeden Sommermonats. Schon mancher amerikanische Durchreisende, der einen Halbtagsausflug nach dem portugiesischen Lourdes zu machen gedachte, hat an so einem Tage die letzten fünfzig Kilometer zum Ziel im Ochsenkarrentempo fahren müssen und schließlich in seinem Wagen bei der Cova da Iria übernachtet, eingekeilt in das Freiluftlager einiger hunderttausendPilger. Es führt keine Bahnlinie herauf, und es soll auch keine gebaut werden, sowenig wie man Pilgerhotels und Warenhäuser heiligen Kleinkrams dort erlauben will. Es kommen jedes Jahr mehr ausländische Pilgerflugzeuge und Pilgerdampfer von Übersee; aber die großen Oberlandautobusse, die den Weitertransport von Lissabon zu besorgen haben, unterliegen genau wie die schnellsten Privatautos auf der letzten Wegstrecke dem Verkehrsgesetz der Wallfahrtsstraße, das die Fußgänger und die Eselreiter angeben, wie vor tausend Jahren auf der Landstraße nach Santiago de Compostela. Und wer von den Weitgereisten nicht krank oder ein besonderer Ehrengast ist (für die sind Ordenshäuser und ein paar kleine Pensionen da), bleibt genau wie die Einheimischen aufs Biwakieren angewiesen, als sei er für diese Nacht ein Soldat im Felde. Immer mehr verbreitet sich daher die Ansicht, das alles werde bald einmal moderner organisiert werden müssen, wenn der Pilgerstrom weiter so wächst wie in den letzten vier, fünf Jahren. Aber man scheut einstweilen den Verzicht auf das ungezwungene Durcheinander der verschiedenen Zeitalter, das den einmalig portugiesischen Charakter dieses jüngsten der großen Wallfahrtsorte ausmacht, in der das Wunder gedeiht.

Das Programm ist im wesentlichen das gleiche wie anderswo bei Feld- und Gnadenortsgottesdiensten: Massengebeteund -gesänge, Predigt mit Lautverstärkern, Hohe Messe. Kommunion, Krankensegnung, Kerzenprozession – hier mündet alles in Andachtsdisziplin und heilige Routine. Unter dem großgestirnten Nachthimmel verschwindet der magische Unterbau des Vorgangs und bleibt verdeckt, bis mit dem Morgengrauen die sparsamen Linien der Landschaft auftauchen, Bewegung in die Formen der hunderttausend Schläfer kommt und endlich jenes starke Leuchten in der Luft wieder beginnt, das sich den Kindern, die diese fromme Lawine ahnungslos ins Rollen gebracht haben, einst in der Mittagszeit zu ihren – – Visionen verdichtete.

Eins von den Kindern lebt noch: Lucia, eine Nonne von einigen vierzig Jahren, sehr dunkel, kleinwüchsig und gedrungen, mit grobem, freundlichem Bäuerinnengesicht. Sie hat ein einziges Mal den großen Feiern des 13. Mai in der Mulde beigewohnt. Das war 1946, als der Kardinal-Legat aus Rom zur Krönung des Gnadenbildes anwesend war (die das Kapitel von St. Peter in Anerkennung der Erscheinungen von Fatima und ihrer Bedeutung für die Wiederverchristlichung Portugals bewilligt hatte) und der Papst über den Rundfunk seinen Segen dazu sprach. Seitdem ist sie in einen strengen Orden übergegangen und lebt in gänzlicher Weltabgeschlossenheit. Sie ähnelt weder der zarten Bernadette von Lourdes, an deren Schicksal das ihre doch in vielen Einzelheiten erinnert, noch der lyrischen Therese von Lisieux, ihrem besonderen Vorbild unter den Heiligen der jüngsten Vergangenheit; sie ist zugleich eine weit ältere und eine höchst neuzeitliche Erscheinung, ein Instrument, ein Medium, ein unbekannter Soldat des Übersinnlichen, ihre Persönlichkeit vollkommen verdeckt vom Kollektiven. Es werden keine Bilder von ihr verkauft, keine Kinder nach ihr getauft, so viele kleine Mädchen der Halbinsel auch heute schon Maria da Fatima heißen, ihre Aufzeichnungen über die Botschaft und das „Geheimnis“ der Mutter Gottes, zwanzig Jahre nach dem Erlebnis auf Anordnung ihrer Oberen unternommen, sind von Spezialisten auf dem heiklen Gebiet der Privatoffenbarungen gelehrt und kritisch analysiert worden, aber dem Publikum nicht zugänglich. Dafür ist die Geschichte der Erscheinungen bereits Allgemeingut der Katholiken aller Länder – und wäre es wohl auch, wenn nicht immer neue Erbauungsschriften in allen Sprachen darüber erschienen.

Drei schafhütende Kinder, das älteste neun Jahre alt, sehen an einem Nachmittag nach Blitz und Donnerschlag auf einer jungen Steineiche „eine Dame, glänzender als das Licht“, die sie sofort, denn sie sind noch altmodisch fromm erzogen, als die Heilige Jungfrau erkennen. Sie trägt ihnen auf, recht viel den Rosenkranz und vor allem für das Ende des Weltkriegs zu beten, in den Portugal Anfang jenes Jahres verwickelt worden war. Auch sollen sie noch fünfmal am Dreizehnten jeden Monats an dieselbe Stelle kommen. Die Kinder erfüllen den Auftrag bei ständig wachsendem Volkszulauf trotz vielerlei Bedrängnis durch ärgerliche Eltern, skeptische Nachbarn, ängstliche Geistliche und wütende Behörden – Portugal steht zu jener Zeit unter aggressiv religionsfeindlichem Regime – und empfangen allmonatlich während der Erscheinungen neue Aufträge und Botschaften, darunter auch Weissagungen – die sie geheimhalten müssen – über das Ende des Krieges, die Bekehrung Rußlands und die Gefahr einer noch fürchterlicheren Weltkatastrophe, falls diese nicht zustande kommen sollte. Auch sehen sie Visionen der Hölle, des leidenden Jesus, der Heiligen Familie und des unbefleckten Herzens Mariens. Auf ihr Bitten wird ihnen ein für alle sichtbares Wunder versprochen, das sich am 13. Oktober im Anschluß an die letzte Erscheinung bei Gewitterwetter vor etwa 50 000 von weither gekommenen Menschen vollzieht und auch Ungläubige, sogar Vertreter der kirchenfeindlichen Presse, beeindruckt: das „Sonnenwunder“, ein minutenlanges Kreisen oder Tanzen der Sonne unter starkem Farbenspiel. Zwei Jahre später, während der großen Grippeepidemie, sterben die beiden kleineren Kinder. Lucia, die in den „Gesprächen“ mit der Mutter Gottes Wortführerin war, kommt mit vierzehn Jahren als Hauptzeugin vor eine bischöfliche Untersuchungskommission. Diese erkennt nach achtjähriger Prüfungsarbeit 1930 den übernatürlichen Charakter der Erscheinungen und den Fatimakult an; ein Jahr später wird in der Cova da Iria ganz Portugal der „Gnadenmutter“ von sämtlichen Bischöfen des Landes geweiht.

Wiederverchristlichung Portugals

Das ist die „ältere“ Geschichte von Fatima; sie umfaßt alles, was sich direkt auf die Erscheinungen bezieht, und ist damals und seither gründlich durchforscht worden, unter Einrechnung aller theologisch oder tiefenpsychologisch denkbaren Fehlerquellen, von Teufelsbetrug und Hexerei über Halluzination und Massenhypnose bis zur „eidetischen Schau“. Auch die Möglichkeit unbewußter Nachahmung wurde untersucht, da die Fatimakinder vielleicht die Geschichte von Lourdes und zugegebenermaßen die besonders ähnliche von La Salette in der Dauphiné kannten. Derlei „Ansteckungen“ sind ja keineswegs selten. Im Mittelalter traten sie zeitweise geradezu epidemisch auf; und besorgte Sachverständige sehen die Anzeichen einer ähnlichen Epidemie in unserem haltlos wundersüchtigen Heute. Man denkt bei uns etwa an die von der Kirche abgelehnten „Seherkinder“ von Heroldsbach, die außer von dem Bernadette-Film gerade auch von Einzelheiten der Fatima-Legende beeinflußt sind, und an die vielen Nachahmer der selbst noch nicht restlos anerkannten Therese von Konnersreuth. Aus allen Ländern Europas und Amerikas lassen sich zahllose parallele Fälle aufzeigen. Das Klima seelischer Verstörtheit, in dem solche Manifestationen der „After-Mystik“ gedeihen, war im bäuerlichen Portugal von 1917 – durch eine Revolution städtischer Intellektueller seiner alten Institutionen beraubt und nun auch noch in einen unbegreiflich grausigen auswärtigen Krieg gerissen – zweifellos vorhanden; freilich ist schwer denkbar, daß es die Kinder der isolierten, noch fest im Herkömmlichen verwurzelten Gegend von Fatima erreicht hatte; eher wirkte es sich in dem schnellen und starken Echo der Erscheinungen aus. Die Weiterwirkung dieses Echos jedoch, das Phänomen seines allmählichen Eindringens in die Mentalität der Nation, das erst die Wiederverchristlichung Portugals ermöglichte, wird von den einschränkenden Vergleichen und Erklärungen der Ursprungsvorgänge nicht mehr berührt.

Zum Verständnis dieser „jüngeren“ Geschichte von Fatima muß man wissen, daß Portugal 1931, als die Bischöfe ihre Diözesen unter das Patronat der wundertätigen Mutter Gottes stellten, im strengen Sinne kein christliches Land mehr war. Zwar war das anti-religiöse Regime 1926 gestürzt worden, aber es war fünfzehn Jahre an der Macht und selbst nur das aktive Endstadium einer weit längeren Periode schleichenden Glaubensverfalls gewesen. Es hatte das Kirchengut weggenommen, die Seminare und theologischen Fakultäten geschlossen, die Orden vertrieben, die Schulen verweltlicht, die Feiertage abgeschafft, alle Kulthandlungen außerhalb der Kirchen, von Karfreitagsprozessionen bis zu Versehgängen, sowie alle geistlichen Trachten bis zur einfachen Soutane verboten. Das religiöse Leben kam durch Paragraphen sowenig wieder, wie das von den korrupten Bankrotteuren der Republik verwirtschaftete Kapital. Die Grundstimmung des Bürgertums war noch immer atheistisch, und die primitive, ganz von urzeitlichem Zauber- und Geisterglauben überwucherte Religiosität der Bauernbevölkerung in vielen Gegenden vom Heidentum kaum noch zu unterscheiden. Für die Zurückeroberung der verlorenen Gebiete fehlte das geistliche Fußvolk; es war nicht einmal annähernd genug Nachwuchs da, um die vielen durch Vertreibung, Abwanderung oder Tod freigewordenen Pfarrstellen zu besetzen. Das ist dann auch Jahre hindurch so geblieben. Noch während des zweiten Weltkrieges sah man verfallene Kirchen in Portugal überall, gab es viele Dörfer, selbst kleine Städte, im Süden gar ganze Landschaften, in denen seit zwanzig Jahren und länger kein Gottesdienst abgehalten, niemand getauft, in Religion unterwiesen, kirchlich getraut oder begraben worden war.

Die Kreuzzug-Periode

Die Wiederverchristlichung Portugals –: nur der kann das wörtlich verstehen, der einmal einen Umzug des Gnadenbildes von Fatima durch eine dieser „gottverlassenen“ Gegenden miterlebt hat, wie sie in den ersten Nachkriegsjahren kreuzzugähnlich durchgeführt wurden, und die dazugehörige Massen-Beichte und -Taufe der Bevölkerung ganzer Ortschaften. Das unvergeßlich Merkwürdige daran war nicht die Bekehrungsfreudigkeit jener unfreiwilligen Heiden, noch das Vorkommen einzelner ekstatischer Szenen, noch die würdevolle Planmäßigkeit, mit der sich das Ganze vollzog, wie eine lange überfällige öffentliche Arbeit, sondern die bei alledem einheitlich vorhandene Überzeugung vom wundersamen Ereignis, das doch vor allem ein seelisches, ein Bewußtseinswandel war. Natürlich gibt es auch da einen Zubehör volkstümlicher Wundergeschichten; zuweilen werfen bei den Umzügen wie bei den großen Gottesdiensten in der Mulde Lahme ihre Krücken weg und Blinde rufen aus, daß sie sehen. Aber Krankenheilung ist für Fatima nicht Mittelpunkt wie in Lourdes (letzthin haben die kirchlichen Autoritäten sogar den Grundwasserbrunnen, den die Gläubigen vor Jahren am Erscheinungsort gegraben hatten und aus dem alle Pilger zu trinken pflegten, wegen Typhusgefahr für einige Zeit versiegeln lassen), auch die mirakulösen Erfüllungen sonstiger Pilgeranliegen, von denen doch soviel erzählt wird, sind nur eine Art Nebenprodukt; der Akzent liegt immer auf Buße, Bekehrung, Erlösung der Sünder.

Inzwischen ist die „Kreuzzug-Periode“ beendet, die Re-Katholisierung auch abseits der Wallfahrten und Gnadenbildreisen überall intensiv im Gang. Der dynamische Antrieb liegt nach wie vor in Fatima. In Lissabon – langjährige Hochburg der Ungläubigen – ist das Zentrum des religiösen Wiederaufbaus die große, beherrschend inmitten der neuen „Wohnviertel gelegene Fatima-Kathedrale. Fatima-Kathedralen gibt es auch schon in den Kolonien, die nun, nach vollzogener Zurückgewinnung des kleinen Mutterlandes, Hauptgebiet der Missionsarbeit des Gnadenorts-Ordens zu werden beginnen.

Die Ungläubigen haben, ursprünglich sehr energisch gegen Fatima gekämpft. Es hat freidenkerische Störungsaktionen und Massenkundgebungen im Jakobinerstil in der Mulde gegeben. Das erste Gnadenkapellchen wurde in die Luft gesprengt, aber sofort wiederaufgebaut, die mutmaßliche „Erscheinungseiche“ ausgegraben und bei Spott-Prozessionen und Aufklärungsausstellungen in den Städten gezeigt.

Es ist aber nicht die richtige gewesen; die steht heute noch an ihrem Ort, sorglich mit Stacheldraht gegen Andenkenjäger geschützt. Unbekehrte Fanatiker aus jener Kampfzeit gibt es noch jetzt. Aber man findet in Portugal selbst unter denen, die das bestehende Regime mit Leidenschaft beschimpfen und das Aufkommen eines „schwarzen Terrors“ im Lande prophezeien, kaum einen, der sich dabei ein wirklich böses Spottwort über Nossa Senhora da Fatima erlaubt. Das verbietet der Patriotismus, der kräftig erneuerte Nationalstolz, der in den letzten Jahren die alte Sitte melancholischer Selbstverhöhnung auch im portugiesischen Bürgertum abgelöst hat. Fatima mag sein, was es will, als Faktor des nationalen Prestiges ist es nicht mehr wegzudenken.

Der portugiesische Intellektuelle der alten Schule – ein Advokat vielleicht, ein Arzt, ein Ingenieur, ein Gymnasiallehrer – denkt nicht eben an Versöhnung mit der Kirche (eher legt er sich im stillen royalistischeSympathien zu), aber er kennt jemanden, der rein aus wissenschaftlichem Interesse eine Fahrt nach Fatima mitmachte und dabei ein altes Leiden loswurde. Man scherzt in diesen Kreisen gerne über die erstaunlichen Exportziffern für geweihte Gegenstände aus Fatima und die Fahrten des Reise-Gnadenbildes ins Ausland, in die Kolonien; aber man erwähnt nicht ohne Stolz die vielen beglaubigten Heilungen, die 1948 bei der Reise nach Madrid unter wilder Erregung von anderthalb Millionen Zuschauern und in Gegenwart des gesamten spanischen Kabinetts geschahen. Man spekuliert sogar ganz gern über die bisweilen in der Auslandspresse diskutierten Chancen des Lissabonner Kardinal-Erzbischofs (dem eigentlichen Organisator des modernen Fatimakults) bei der nächsten Papstwahl. Und man zuckt nur ganz wenig, eher staunend als kritisch, die Achseln über die Jugend von heute, die sich schon selbstverständlich, zum Teil sogar mit einem gewissen Elan, in die Formen dieser reaktivierten Glaubensdisziplin fügt.

Schließlich fährt man an einem ruhigen Tage auch einmal selbst nach Fatima und steht etwas erschrocken in der Cova da Iria, deren vollkommen kahle Weite in Abwesenheit der Hunderttausende, für die sie hergerichtet ist, bar aller idyllischen Reize in derselben monumentalen Nüchternheit daliegt wie die lichtüberschüttete Felslandschaft der Serra d’Aire ringsum. Der einzelne, stacheldrahtumwundene Baum und das primitive Gnadenkapellchen daneben, nicht viel mehr als ein Wetterdach für die kleine holzgeschnitzte Statue der „Königin des Rosenkranzes“ (das Reise-Gnadenbild ist eine Kopie davon) verlieren sich ganz darin. Unauffällig in ihrer Zweckdienlichkeit liegen die Missions- und Krankenhäuser zu beiden Seiten der Fläche. Blickfangend ist hier einzig die große schneeweiße Wallfahrtskirche über ihrer Freitreppe auf der Anhöhe am Nordende des Platzes, fensterlos noch und innen erst im Rohbau, aber außen ganz fertig bis zum kreuzüberragten Turmaufsatz, der die Form der Krone des Gnadenbildes wiederholt. Auch diese. Basilika schaut eher wachsamvernünftig als mystisch-träumerisch drein. Sie steht in der großen Helligkeit wie ein Siegesdenkmal, nicht beschwingt triumphierend, das wäre ganz unportugiesisch, aber gerade im Verzicht darauf selbstbewußt: rechter Ausdruck eines Erneuerungsvorgangs, dessen Wurzeln im Unbewußten liegen, der aber in seiner sammelnden und ausstrahlenden Kraft auch ein Politikum ist.