Wenn man von der Bergkuppe aus ins Tal hinunterschaut, kann man sich kaum einen idyllischeren Flecken Erde vorstellen als unser Dorf. In der Mitte, von Weinbergen umgeben, die Kirche mit dem Pfarrhof und der Schule, Dann, weit verstreut unter Pappeln und Nußbäumen, die Weiler und die Einzelhöfe bis hoch hinauf unter die Tannen. Über den roten und schiefergrauen Dächern steigt aus winzigen Kaminen feiner Rauch auf. Ringsum die unzähligen braunen, gelben und grünen Gevierte der Felder. Ein Bild tiefen Friedens.

Und doch, in diesem friedlichen Dorf, dem Blick des flüchtigen Besuchers verborgen, spielt sich manches Drama ab und haust zäher, von Generation zu Generation vererbter Familienzwist. Grund des Streites ist meist die Erbteilung, die die Felder zerstückelt und sie so gefällig für das Auge ineinander verschachtelt. Da wohnen zum Beispiel, eine Viertelstunde Wegs unterhalb unseres Häuschens, Adrien und Amédée, die beiden feindlichen Brüder, in zwei blitzsauberen benachbarten Höfen. Der Brunnen, um den der Zank geht, liegt auf halbem Weg dazwischen. Amédée, der jüngere, stottert ein bißchen. Er ist ein großer Jäger vor dem Herrn, aber da alle Bauern, die etwas auf sich halten, wildern gehen, gibt es nicht mehr viel zu schießen. Einmal, beim Wildern, war ihm ein Kalb über den Weg gelaufen, und voll Aufregung hatte er seinen Jagdgefährten zugerufen:

„Da-da-da-da... eine bi-bi-bi-biche!“ („la biche“ ist die Hirschkuh). Seitdem nennt man Amedee nur noch Bibiche.

Alle drei Monate sehe ich ihn mit einem neuen Hund ankommen, den er zur Jagd abrichtet,

„Schon wieder ein anderer?“ frage ich ihn.

„Der Br-bru-bruder hat mir den anderen vergi-giftet“, sagt Bibiche traurig, „der da kommt auch ba-bald dran. Da k-k-kann man nichts machen.“

Unsere Freundschaft basiert eigentlich auf einem Mißverständnis. Eines Morgens früh war ich mit einem Buch in der Tasche den Bergweg hinaufgewandert, über den, wie mein alter Bürgermeister behauptet, angeblich schon Hannibal mit seinen Elefanten gezogen war, und hatte mich lesend unter eine Tanne am Wegrand gesetzt. Da kam Bibiche mit seinem Ochsenfuhrwerk daher, um am Berghang Holz zu schlagen.