Warum ist es heute in Deutschland so schwer, zu einem Überblick über die geistige Situation zu gelangen? Die Eindrücke, die man in einem halben Dutzend wichtiger Städte erhält, widersprechen sich oft. Wo soll der Beobachter ansetzen, wer hilft ihm, das Maßgebliche vom Unbeträchtlichen zu scheiden?

Daß eine gewisse landschaftliche Gebundenheit seit je im literarischen Leben Deutschlands anzutreffen war, weit ausgeprägter als etwa in Frankreich oder England, läßt sich ohne weiteres akzeptieren. Nicht minder, daß regionale Bestrebungen in einem vernünftigen Rahmen eine gewisse Vielfalt der Erscheinungen fördern, die zur Ganzheit zusammenzusetzen Aufgabe der Kritik bleiben muß. Aber wo findet man jene Autorität des Urteils, die zur Befassung zwingt, auch wenn sie zum Widerspruch reizt?

Hier rückt jenes Phänomen in den Vordergrund, das man geistige Rotation nennen möchte, wirksam und festzustellen in allen großen Kulturländern.. Deutschland ist heute nicht nur ein Land ohne Hauptstadt, sondern ein Volk ohne geistigen Mittelpunkt. Ein Buch, ein Theaterstück, eine Musik wird heute nicht mit einem Schlage bekannt, sondern bestenfalls ruckweise, durch eine Art regionaler Wanderung. Es fehlt jener unentbehrliche Markt der Geltungen, den andere Länder seit Jahrhunderten besitzen und der sich für Deutschland in Berlin entwickelt hatte. Wohl soll gleich zugegeben sein, daß Berlins Tradition bei dieser Aufgabe noch jung war, noch nicht unbestritten, daß sehr viel leerer „Betrieb“ das Wesentliche übertönte und daß diese und verwandte Schattenseiten manches Mißtrauen erzeugt haben. Aber es ist auf der anderen Seite eine nicht bestreitbare Tatsache, daß besonders nach 1918 fast alle wichtigen Geltungen und Parolen von Berlin ausgegangen sind, daß dort jene geistige Rotation stattfand, die heute fehlt, weil ihr das unentbehrliche Zentrum fehlt. Gewaltsame und künstliche Hemmnisse hindern heute Berlin, diese Rolle zu spielen,

Weil die Schwungkraft einer geistigen Rotation fehlt, gelangen wir heute auch zu keiner echten Selektion. Auslese kann sich nur einstellen, wenn gesammelte Bemühung kontinuierlich am Werk ist. Mag eine geistige Metropole noch so viele Vergänglichkeiten, Tagesmoden, Irrtümer und Scheingrößen gebären, so ist sie nichtsdestoweniger ein Bienenhaus, das den Honig von unzähligen Blumen und Blüten zusammenträgt und speichert. Diese sammelnde, ordnende, sichtende Bemühung, schwer beeinträchtigt bereits seit 1933, ist seit dem Zusammenbruch nur noch zersplittert wahrzunehmen. Nicht daß es an Bemühungen, sogar recht respektablen Bemühungen dazu fehlte – aber überall und immer, wo man sie dankbar antrifft, versickern sie und bleiben unwirksam, weil es an jener tausendfältigen Kommunikation und jenem fortwährenden Zubringerdienst mangelt, die allein Kritik als ständige, freiwillige und verpflichtende Institution gewährleistet.

Wie unvollkommen und undeutlich bleibt daher auch das Bild, das sich der Ausländer von der geistigen Situation Deutschlands macht, wenn er es, auf Reisen, als regionales Mosaik zusammensetzen muß wie einst Frau von Staël! Ist das nicht wahrscheinlich auch die eigentliche Ursache, daß unser geistiges Leben so richtungslos dahintreibt, daß von ihm, in seiner Gesamtheit, so wenig Impulse ausgehen zur Aufrichtung aus Irrung und Verwirrung, zum Neubau? Wird nicht deswegen gerade auch die materielle Basis der deutschen Kultur immer schmaler und brüchiger, weil die geistige Existenz nicht mehr als Ganzheit vors Bewußtsein tritt? Der geistige Provinzialismus, an den man sich nun in Deutschland mehr und mehr zu gewöhnen scheint, wird am besten durch den ungemeinen Machtverlust der Kritik gekennzeichnet. Sie rührt weit weniger von mangelnder kritischer Potenz her als von dem Schwund des Bewußtseins, daß hier von etwas Ganzem für etwas Ganzes gewirkt wird. Für ihren gegenwärtigen Zustand paßt ziemlich genau eine entsprechende Definition T. S. Eliots: „Ich meine mit provinziell auch eine Verzerrung der Werte, ein Außerachtlassen hier, ein Überbewerten dort; was nicht auf einen Mangel an weitläufiger geographischer Wohlbereistheit zurückgeht, sondern auf die Angewohnheit, in der Enge gewonnene Maßstäbe auf den Gesamtbereich der menschlichen Erfahrung anzuwenden, wodurch das Zufällige mit dem Wesentlichen, das Vergängliche mit dem Dauerhaften verwechselt wird.“ Es schwindet bei uns erschreckend die Einsicht, daß es keine Geltung in der Welt gibt, ohne daß fortlaufend und reichlich der geistige Zins entrichtet wird. Die Maler mögen malen, die Musiker komponieren, die Dichter fleißig sein – ohne die engste Korrespondenz mit der Kritik, die das Bedeutende ausmacht, den Rang zuweist und den Marktschreier spielt, bleibt jede schaffende Kunst dem Zufall und all seinen Tücken preisgegeben. Ohne die befassende Vermittlung, die im ganzen Lande und weit darüber hinaus gehört wird, sind Ideen wie Menschen der Vereinsamung und der Wirkungslosigkeit ausgesetzt – kein Rundfunk oder eine verwandte Bemühung vermag hier Ersatz oder Rat zu schaffen; denn hier regiert das geschriebene Wort, hier herrscht das unaufhörliche, direkte Gespräch, oder es breitet sich sogleich jener flaue und quälende Ex-lex-Zustand aus wie jetzt. Walter Lennig