Von unserem römischen Korrespondenten

F. G. Rom, im November

An einem grauen Novembertage sprengten Dynamitbomben die römischen Parteisitze der Mazzini-Republikaner und Silone-Sozialisten in die Luft. Die Detonationen des terroristischen Neofaschismus bewiesen, daß der Zirkel, der den lasterhaften Kreis von Faschismus und Antifaschismus um die unglückliche Apenninen-Halbinsel zog, noch immer in Bewegung ist. Sie bewiesen weniger politische Unreife als gähnende Löcher im re-education-program, die niemand zuzuschütten vermocht hatte. Sie bewiesen das Fortleben eines verzweifelten Nationalismus in einer Welt, die Italien die Kolonien nahm, ihm die Türen der Emigration vor der Nase zuschlug und ein 50-Millionen-Volk im Safte seiner wirtschaftlichen Armut und sozialen Verzweiflung schmoren ließ. Der Rest an den Detonationen war verbitterter Fanatismus und verbrecherische Dummheit. Der italienischen Demokratie hatte es seit 1945 nicht an gutem Willen gefehlt, die Kapitel der Vergangenheit abzuschließen. Rache ist nicht, was die Italiener auszeichnet. Italiens Faschisten aber gehorchten mehr ihren Instinkten als allen Lockrufen. Nach langen Irrwegen in der Partei vom „Gemeinen Mann“ des Komödienschreibers Giannini fanden sie sich im waschechten cameratismo der MSI, der „Italienischen Sozialen Bewegung“, wieder. Zum neuen Duce hatte man einen Unbekannten bestelle. Giorgio Almirante, von dem nur wenige wußten, daß er vor dem Kriege die antisemitischen Difesa della Razza geleitet hatte und 1945 durch Zufall den Erschießungsgruppen der norditalienischen Partisanen entganwar. Hinter Almirantes blumenreichen patriotischen Reden vom „Ewigen Lichte Roms“ und von der „Heiligkeit des Imperiums“ verbargen sich von Anfang an die Charakteristiken des ändert régime: Antiparlamentarismus und die Anmaßung, die absoluten Wahrheiten gepachtet zu haben und deshalb das Recht zu besitzen, den Gegnern auch mit den Mitteln der Gewalt den eigenen Willen aufzuzwingen.

Die Bestimmung XII der Republikanischen Verfassung verbietet das Wiederaufleben des Faschismus in jeglicher Form, und im italienischen Friedensvertrag haben die Alliierten der römischen Regierung die Pflicht auferlegt, faschistische Ideologien und Organisationen für alle Zeit außer Gesetz zu stellen. Als die italienischen Demokraten erkannten, daß die MSI nichts anderes als eine verbesserte Nachkriegskopie der Partei Mussolinis war, hatten die Sozialen – wie sich die camerati in Erinnerung an die soziale Nordrepublik von 1944 nennen ließen – in ihren Parteisitzen bereits die Bilder des erschossenen Duce aufgehängt, und die sozialen Studenten der römischen Universität sangen die Giovinezza. In den römischen Parlamenten, in die Almirante und vier andere Anwärter der zukünftigen Hierarchie am 18. April 1948 gewählt worden waren, stimmten sie mit den Kommunisten regelmäßig gegen die Entscheidungen der Regierung. Im Sommer dieses Jahres begannen die Bürgerkriegsübungen der grünweißrot beflammten Kaders für den neuen Marsch auf Rom: sie begannen mit Überfällen auf gegnerische Parteilokale und endeten mit pöbelhaften Demonstrationen vor dem Palast, in dem der Europarat tagte. Da entschloß sich der Innenminister Scelba zum Zuschlagen.

Die Frage der Auflösung der MSI wärmte ein altes Problem auf, mit dem die Demokratien sich seit jeher haben herumschlagen müssen, das Problem, ob die Demokratie zur Verteidigung der eigenen Freiheit den Feinden der Freiheit die Freiheit nehmen kann. Während in Roms Typographien viele Hektoliter Druckerschwärze darum vergossen wurden, bereitete Mario Scelba seine Ausnahmegesetze zur Bekämpfung des neofaschistischen Terrorismus vor. Aus der römischen Filiale des Kommform aber kam ein seltsames Echo: Dieselben Leute, die noch vor kurzem Scelba der Begünstigung des Neofaschismus bezichtigt hatten, sprachen plötzlich erhabene Worte zur Verteidigung der jugendlichen MSI-Militanten, die echter. Patriotismus entflamme, Angesichts der Gefahr, daß man in Rom das System einer Demokratie errichtet, die sich gegen den Totalitarismus schützt, zogen die Kommunisten es vor, sich solidarisch an die Seite der „verfolgten Märtyrer“ von rechts zu stellen.