Zur gleichen Zeit, wo die Sowjets das im Kriege gänzlich zerstörte Palais Katharinas II. in Zarskoje Selo bei Leningrad in edelstem Material originalgetreu wieder errichten, lassen sie den historisch bedeutsamsten Bau Berlins, das Schloß der Hohenzollern, dem Erdboden gleich machen. Was dabei vernichtet wird, beschreibt für „Die Zeit“ Professor Erich Meyer, Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Als die Berliner in den ersten Maitagen des Jahres 1945 nach dem Aufhören des sinnlosen Kampfes sich in ihrer Stadt umsahen, gab es bei aller Erschütterung über die grauenhafte Verwüstung ringsum doch einen tröstlichen Gedanken: Weiter würde nichts zerstört werden. Was jetzt noch stand, würde weiterleben. Beschädigte Bauten von künstlerischem Rang würde man wiederherstellen, wenn es sich als sinnvoll und möglich erwies.

Zu diesen Bauten von hohem Wert gehörte das Schloß. Der gewaltige Block bildete noch immer den großartigen östlichen Abschluß der Straße Unter den Linden. Bei dem amerikanischen Tagesangriff am 3. Februar 1945 hatte ein Riesenbrand das Innere zwar in wenigen Stunden bis auf geringe Reste vernichtet, aber die schweren, starken Mauern standen noch aufrecht. Durch Sprengbomben waren nur etwa sieben von den 80 Fensterachsen der drei Hauptfassaden bis zum ersten Stockwerk herab eingerissen worden. Hätte man sie ergänzt, das Innere neu ausgebaut und anderen Zwecken dienstbar gemacht, wäre Berlins repräsentativste Außenarchitektur erhalten geblieben.

Die Sowjets haben anders entschieden. Am 16. September 1950 wurde die stark beschädigte Südwestecke in einer Breite von 13 Fensterachsen durch Sprengung niedergelegt. Zwei weitere Sprengungen haben von den noch intakten Teilen so viel eingerissen, daß nicht mehr als die Hälfte des Komplexes steht, und auch diese wird in Bälde dem Dynamit zum Opfer fallen.

Wohl steht im Augenblick noch der wertvollste Teil, die unter Andreas Schlüters persönlicher Leitung von 1699–1706 erbaute Südhälfte. Fast zwei Jahrzehnte habe ich sie Tag für Tag, bei Nebel und Sonne, im Sommer und im Winter, vor Augen gehabt, immer aufs neue von ihrem Adel gebannt. Der Aufriß erinnert an römische Paläste und ist doch zugleich das ganz persönliche Werk des genialen Architekten. Man hat den sogenannten „Schlüterhof“ am meisten gerühmt. Aber die dem Schloßplatz zugewendete Front mit ihrem wuchtigen Viersäulenportal und die zarter gegliederte Lustgartenwand verdienen doch wohl noch höheres Lob. Mit welcher Kühnheit war hier das völlig Neue gewagt, in die streng gegliederte Palastfassade breitfenstrig-lichte Portalrisalite einzufügen. Ernst, ohne Schmuck, doch von feierlicher Würde an der Straßenfront; nach dem Garten zu den kostbaren Zierat an Figuren, Wappen und atlantengetragenen Balkonen heiter und freigebig verschwendend. Gerade diese von Schlüters Architektenphantasie erfundenen und von seiner Bildhauerhand aufs feinste durchmodellierten Südteile sind von den Bomben ziemlich verschont geblieben und werden nun erst dem „Aufmarschgelände“ für Piecks Funktionäre weichen müssen.

Als Eosander von Goethe 1707, nachdem Schlüter wegen der Münzturmkatastrophe in Ungnade gefallen war, den Auftrag bekam, den Bau nach Westen hin zu verdoppeln, hielt er sich genau an Schlüters Vorbild, ohne doch seinem Werk das gleiche warme Leben einhauchen zu können. Eosanders eigene Schöpfung ist das repräsentative Westportal, über dem Stüler 1852 nach König Friedrich Wilhelms IV. Entwurf den schönen Kuppelbau der Schloßkapelle aufführte.

Von den Innenräumen haben nur die unter dem Eisenbetondach des Weißen Saales liegenden modernen Teile nördlich der Kuppel den Krieg überdauert. Schlüters „Paradekammern“ hielten freilich schon vor dem Kriege den Vergleich mit den Fassaden nicht aus. Allzu prunkvoll und verständnislos waren sie im – 19. Jahrhundert erneuert worden. Im Stockwerk darunter lagen die von Gontard, dem Erbauer der Dome am Gendarmenmarkt, und dem hervorragenden Dessauer Architekten Erdmannsdorf 1786–1790 ausgebauten „Königskammern“. Sie gehörten zum besten, was der Frühklassizismus in Deutschland hervorgebracht hat. Von der Rokokowohnung Friedrichs des Großen war nur Nahls schönes Schreibzimmer erhalten. Nach dem Schloßplatz zu hatten Langhans, der Meister des Brandenburger Tores, und der große Schinkel eine Folge von Räumen geschaffen. Alles das ist den Flammen zum Opfer gefallen, ebenso wie das meiste von den älteren Bauten an der Spree und Schlüters Kunstkammer im Dachgeschoß, deren Bestand an Kunstwerken und Kuriositäten die Keimzelle der Berliner Museen wurde.