Berlin, Ende November

Seit zwei Jahren hat an den Londoner Bühnen ein Name alle anderen weit überrundet: Christopher Fry. Seine Versdramen „The Lady is not for burning“ und „Venus observed“ sind seit einigen Wochen auch die Sensation des Broadway in New York. Und im Berlin-Steglitzer Schloßpark-Theater hat es nun Boleslaw Barlog gewagt, diese wirklich neue Gattung Theater ins Deutsche zu transponieren.

„Die Dame ist nicht fürs Feuer“ hat wohl den in einer mittelalterlichen englischen Kleinstadt angesiedelten Stoff nur zur Staffage für die Darbietung eines Lebensgefühls gewählt, das der Dichter selbst als heitere Skepsis bezeichnet. Ein des Kärntens müder Krieger wünscht von dem Bürgermeister eines Marktfleckens, gehängt zu werden, und eine der Hexerei angeklagte junge Person wünscht, am Leben zu bleiben. Die beiden werden in eine Welt selbstgerechter und hilfloser Bürokratie gestellt, die der Paradoxie, der beiderseitigen Wünsche gegenüber peinsam und grotesk ins Schwimmen gerät. Doch der Handlungsfaden ist so locker gewebt, daß Teufel und Hölle, Himmel und Seligkeit nur Anlässe zu gescheiter Konversation bleiben.

Aber diese Konversation strömt aus einer Fülle von Empfindungen, die dem bloßen Intellekt nicht erreichbar sind. Wie Christopher Fry mit den Realitäten, den geschichtlichen und den metaphysischen, verfährt – das gibt eine bislang auf der Bühne unbekannte Verbindung zwischen Intellekt und Poesie. Wie im Märchen läßt er den bitterbösen, todessüchtigen Skeptiker es am Schluß mit der melancholisch flirrenden; lebenssüchtigen Dame, die auf dem Scheiterhaufen brennen soll, versuchen. Und die Richter und Richtenden heißt der Dichter beiseite stehen, wenn er den nihilistisch Zweifelnden noch einmal eine Pforte ins gar nicht, so schöne Leben öffnet.

So fern der Gegenstand sein mag, so dicht rührt diese Verskomödie an alle. Schichten unseres heutigen Lebensgefühls – und dies mit einer strömenden Phantasie der Einfälle, Bilder und Worte, mit unaufhörlichen Blinklichtern der Pointe. Doch zur Darstellung verlangt sie Charaktere, die das Doppelbödige erlebbar machen. Matthias Wieman war in Barlogs Inszenierung zu schwer, zu vollgewichtig, während Gundel Thormann den fragilen weiblichen Hauptpart schon vom Naturell her zwingender traf. Aber mit Aribert Waescher, Trade Hesterberg, Walter Bluhm und Franz Stein rückte die schwingende Szene stellenweise ganz weit ins poetische Neuland Christopher Frys. K. W.