Seit die erste Formulierung der Schuman-Plan-Idee im Mai dieses Jahres wie eine Bombe eingeschlagen war, sind nicht nur Lobeshymnen von den Einen und Spottverse von den Anderen gesungen worden, sondern es sind auch zahlreiche gute Gedanken dazu geäußert und manche Wege der Weiterentwicklung gewiesen worden. So hat man also sehr ‚viel an beachtlichen Beiträge zur Verwirklichung des Schuman-Planes beigebracht. Daß diese positive Kritik – sei sie aus Frankreich oder Deutschland, aus Belgien oder Luxemburg, ja selbst aus den USA – meist aus der Stahl- und Kohlen Wirtschaft kommt, ist kein Zufall.

Besonders aus Westdeutschland wird immer wieder die Forderung laut, eine europäische Montanunion nicht ohne den wirksamen Einfluß der Wirtschaftsführer zu konstruieren. Wir leben noch heute unter den niederdrückenden Erfahrungen, die uns das staatliche Reglement der gesamten deutschen Lebensführung mit seiner Balkan sierung des Lebensstandards beschert hat Der krasse Unterschied zwischen der Kriegswirtschaft, der Mindener und Frankfurter Bewirtschaftungspolitik einerseits und der Erhard-Politik andererseits haben der deutschen Nachkriegsgeneration den Wert der schöpferischen Persönlichkeit und der individuellen Unternehmerinitiative erneut offenbart. So wird man sich nicht wundern können, daß auf deutscher Seite um so mehr Vertrauen in die Haltbarkeit der Schuman-Plan-Idee gesetzt wird, je stärker die Möglichkeiten persönlicher Aussprachen und agreements überstaatlicher Art gegeben sein werden.

In diesem Punkte treffen sich deusche und französische Eisen- und Sahlindustrielle. In der französischer Eisenindustrie, die aus einer Fülle einzelner Unternehmungen besteht, ist das Mißtrauen gegen den Monnet-Plan tief verwurzelt. Die französischen Hüttendirektoren, die jetzt noch völlige Marktfreiheit besitzen, fragen sich besorgt: ob sie, als Preis für billigere Brennstoffzufuhren, Abgaben auferlegt erhalten, wie in England, ob die Löhne kartelliert werden, ob die Gewinne zu begrenzen und Permits für Anlageerweiterungen einzuholen sind? Von dieser Seite ist viel Kritik zu hören.

Die Deutschen sind im Verlauf der Verhandlungen in manchen Punkten skeptischer geworden. So wurde zu Beginn unter dem Begriff der französischen Minette auch die aus Französisch-Afrika verstanden. Ist dies nur ein Lockvogel gewesen? Paris spricht nämlich nur noch von Lothringer Minette, du als Gegenladung für die Kohlenzüge (wie einst vor 1914) nach der Ruhr gehen soll. Aber – das ist dreißig Jahre her; Versailles hat Lothringen aus dem Reichsverband genommen; heute sind diese Erze für uns zu teuer und ihr tatsächlicher Ausfuhrspielraum ist in klein, um ganze Anlagekomplexe technisch wieder auf sie umzustellen. Selbst Luxemburg und Belgien gehen schon stark zum Schwedenerz über. Wenn Frankreich Erz an Deutschland liefern will, dann wird nur die phosphorarme Förderung aus Afrika für uns interessant sein. Doch hier legt das offizielle Frankreich jetzt eine Art eisernen Vorhang für uns vor.

Und die Kritik aus Amerika? Sie ist typisch für das wirtschaftspolitische Denken dieses Landes. Der Schuman-Plan hat drüben zu der Erkenntnis geführt, daß Chikago doch nicht vom Ruhrgebiet so weit entfernt liegt, wie auf dem Globus zu erkennen ist. Der Präsident der Inland Steel, Clarence B. Randall, meinte kürzlich sehr offen, daß „in dem Vorschlag Schumans manches steckt, das uns hier in der amerikanischen Stahlindustrie treffen und das Gefüge unseres sozialen und politischen Lebens beeinflussen wird“. In den Staaten sehen die Industriellen den Gefahrenpunkt in der Kartell-Chance des europäischen Stahlblocks, der mit 50 Mill. Jahrestonnen Kapazität die Hälfte der USA-Leistung darstellt und, von einem Punkte kontrolliert und gelenkt, nach ihrer Auffassung den Preis für jede Tonne Stahl bei jedem Verbraucher in irgendeinem Lande bestimmen würde. Randall, der in diesem Fall als Sprecher der amerikanischen Stahlindustrie angesehen werden kann, knüpft daran den bedrohlichen Satz: „Würde es das Weiße Haus, nachdem wir so viele Dollar für den Wiederaufbau der europäischen Stahlindustrie ausgegeben haben, nicht recht unangenehm finden, drüben Geschäftsmethoden zu dulden, für die der Generalstaatsanwalt uns hier in der Heimat ins Gefängnis schicken würde?“

In Europa wird man sich in dieser krassen Form den amerikanischen Gedanken nicht anschließen können. Das bedeutet aber nicht, die ernste Situation zu unterschäzen, die einer neuen Behörde vom Schuman-Plan-Charakter einmal drohen kann. Heute sind die Männer, die sie bilden und führen, vielleicht weise und aufrecht und leiden noch unter den Schrecken der letzten Jahrzehnte. Werden es morgen aber nicht vielleicht nur mittelmäßige Menschen sein, vielleicht sogar solche, die irgendwelchen machtpolitischen Organisationen nationalen oder internationalen Charakters gegenüber beeinflußbar sind?

Über die englische Situation ist von einer Zeitung in Boston einmal der nette Satz geprägt worden: „Sieben Tage lang husteten und spuckten die Engländer und versuchten gleichzeitig für und gegen den Vorschlag zu sein, und ihre Gesichter waren tatsächlich sehr rot“. Die offizielle britische Einstellung und Kritik basiert auf der Tatsache, daß in England die Verstaatlichung der Grundindustrie die politische Maxime ist, während in Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und Luxemburg das freie Unternehmertum das wirtschaftende Bild bestimmt. In britischen Stahlkreisen meint man daher, daß der Schuman-Plan nur ohne. England zustande kommen kann, daß aber, wenn er erst einmal einige Zeit lang seine Bewährung gezeigt hat, England ihm dann auch beitreten würde, wie seinerzeit der europäischen Stahlexport-Gemeinschaft. Höhnisch fragt das der Labour-Party nahestehende Wochenblatt „New Statesman and Nation“: „Nachdem die britische Militärregierung das Unternehmertum in Deutschland wieder mit funktionsfähig gemacht hat – erwartet die Regierung etwa, daß sich die deutschen Fabrikanten mit einigen zufälligen Krumen zufrieden geben würden, die die Briten vielleicht gnädigerweise aus ihren wohlversorgten Auftragsbüchern herausfallen ließen?“ In Sheffield selbst ist aber auch eine andere Meinung anzutreffen, die sich besser in einen Europagedanken einreihen ließe.

Der kühne und schnelle Zug, den Deutschland im Mai mit seinem offenen und ehrlichen Ja zum Schuman-Plan führte, ist auf dem Kontinent noch zu keiner Stunde bedauert worden. Gute Kritik aus aller Welt hat mit dazu gedient, in sachlicher Arbeit Gefahrenpunkte zu erkennen und auf den Herd zu beschränken. So muß es auch weiterhin bleiben. Rlt.