Von unserem Pariser Korrespondenten Arthur Rosenberg

Paris, Ende November

Datriot – auf diesem Wort liegt heute eine Staubschicht, so dick wie auf den roten Hosen der französischen Infanteristen und auf den Federbüschen der blinkenden Kürassierhelme. Das bedeutet nicht, daß Franzosen sich nie wieder schlagen werden; es bedeutet aber, daß die Motive, die sie zum Schlagen bringen können, andere sein werden als früher. Der Begriff Vaterland macht in allen Ländern eine Krise durch. Sie trat zuerst in Erscheinung dort, wo Wort und Begriff Patriotismus geboren wurden, in Frankreich. Wo hätte auch eine solche Bewegung einen fruchtbareren Nährboden finden können als in dem Land, in dem Individualitätsdrang, Skepsis und Widerspruchsgeist üppiger wachsen als in jedem anderen Volk?

Die antimilitaristische und antipatriotische Bewegung in Frankreich zu Beginn des Jahrhunderts hat einen gewissen Zusammenhang mit der heutigen antimilitaristischen und antipatriotischen Strömung, die von den Kommunisten getragen wird. Beide wenden sich an den militärfeindlichen Charakter des Franzosen. Während aber die frühere Bewegung pazifistisch war, ist die heutige ausgesprochen aggressiv und kriegerisch, und zwar in dem Sinne, daß das bisherige Motiv der Kriegführung, die Verteidigung des Vaterlandes, durch die Verteidigung der Ideologie, die Volksgemeinschaft durch den Begriff der ideologischen Verbundenheit ersetzt wird. Es gibt heute kein Land, in dem nicht Menschen auf Grund ideologischer oder anderer Bindungen sich zu Menschen und Einrichtungen anderer Staaten und schließlich zu diesen selbst stärker hingezogen fühlen, als zu dem eigenen. Kollaboration und Fünfte Kolonne sind typische Kennzeichen dieser Entwicklung.

Keine Regierung kann heute für den Fall eines Krieges mit der Zuverlässigkeit ihrer Gesamtbevölkerung rechnen, doch jede hat – geworbene oder nichtgeworbene – Verbündete unter der Bevölkerung des etwaigen Gegners. Die technischen Möglichkeiten der heutigen Kriegführung begünstigen diese Entwicklung. Von Flugzeugen weit jenseits der Grenze abgeworfene oder gelandete Truppen können solchen Widerstandsgruppen die Bedeutung von tief sitzenden Pfeilen im Fleisch des Gegners geben. An Stelle des Frontenkrieges tritt ein Krieg im Innern. Die Länder lösen sich in ungezählte Kriegsschauplätze auf.

Eine solche Situation legt es nahe, Begriffe wie Vaterland und Vaterlandsgefühl neu zu denken, Aufgaben und Möglichkeiten der Armee neu zu definieren. Dieses Ziel stellte sich die linkskatholische Monatsschrift „Esprit“, die sich mehr als irgendeine Revue um die Erneuerung des französischen Denkens der Nachkriegsjahre bemüht, in einem Sonderheft, das der französischen Armee gewidmet ist. „Man bezeichnet“, so heißt es hier, „das Heer als Instrument zur Verteidigung des Landes. Eine solche Auffassung erscheint uns überholt. Man bezeichnet die Sicherung des französischen Bodens als Aufgabe der Armee. In den heutigen Kriegen ist aber gar nicht mehr der Boden, sondern die Ideologie das Entscheidende.“ Über die Mittel, den neuen Erfordernissen zu begegnen, schreibt Oberst X.: „Das Beispiel des englischen Heimatschutzes, der Arbeiter von Leningrad und Moskau, der chinesischen Bauern, der Résistance in Frankreich, Jugoslawien und Polen mußten die Welt aufrütteln. Das reguläre Heer kann in einer einzigen Schlacht vernichtet werden. Damit wäre ein Land dem Gegner schutzlos ausgeliefert. Deshalb müssen für den künftigen Krieg zahllose kleine Kampfgruppen von je 500 bis 600 Mann gebildet werden, die sich im Boden festkrampfen, wenn das Land besetzt ist!“

Eins ist sicher: die Frontlinie des künftigen Krieges verläuft nicht mehr zwischen den Völkern, sie geht mitten durch sie hindurch. „Der erste Weltkrieg war ein Krieg der Fronten, der zweite ein Bewegungskrieg“, erklärte Verteidigungsminister Jules Moch vor der Nationalversammlung. „Wenn heute ein Angriff erfolgt, wäre er gekennzeichnet durch Aktionen von Fallschirmspringern in Gemeinschaft mit fünften Kolonnen, die dem Angreifer blind ergeben sind. Ein Krieg würde das ganze Land erfassen“