Nicht das Fußballspiel an sich ist problematisch; wie hätte sonst der erste Länderkampf der deutschen Nationalmannschaft nach dem Kriege gegen die Schweiz so viel Begeisterung erwecken können! Daß die deutsche Mannschaft einen Eins-zu-Null-Sieg errang, ist nicht so wichtig – selbst für Sportsleute nicht so wichtig – wie die Tatsache, daß sich im Sport die Vertreter zweier Nationen wetteifernd zusammenfanden. Das oberste Gesetz im Sport, nämlich Fairneß, wäre es wert, überall im Leben, auch in der Politik, angewendet zu wissen. Problematisch aber ist eines: die Sportsprache, deren alle zuteil werden, die, wie anläßlich des Länderspiels in Stuttgart, am Lautsprecher lauschen. – Hier die humorvolle Geschichte, wie der Dichter P. Alverdes ein Fußballspiel am Radio erlebte, verwundert, welche Worte er da hörte.

Maber Josef, der selber keinen Sport mehr treibt, ist einst ein leidenschaftlicher Fußballspieler gewesen, hochberühmt als Torwächter in der Mannschaft seiner Heimatstadt. Nur die Leidenschaft für das Zusehen, wenn andere spielen, ist ihm noch übriggeblieben. Alle Sonntage, wenn die großen Wettspiele ausgetragen wenden, wandelt er hinaus zu dem Sportplatz am Rande der Stadt, um sich dem viertel oder halben Hunderttausend anderer ebenso leidenschaftlicher Zuschauer zu gesellen, welche sich daselbst meistens schon zwei oder drei Stunden vor Beginn versammelt halten. Er trifft sich dort mit seinem Freunde, einem Kunstgelehrten, der gleichfalls von der Leidenschaft für das Fußballspiel besessen ist. Manchmal ist ihre Freundschaft dann gefährdet. Es tritt ein, wenn der Kunstreichrte der anderen Mannschaft anhängt und Maler Josefs Lieblinge durch gellendes Hohngeschrei oder durch Pfeifen auf zwei Fingern zu verstören sucht. Einmal, als sich deren Tor in höchster. Gefahr befand, trieb Maler Josef ihm mit einem jähen Schlag den Hut über beide Augen tief in die Stirn. Der Gelehrte pflegt Hüte aus hartem Filz zu tragen, steife, widerstandsfähige Dinger, und Maler Josef hatte stark zugehauen. Darum dauerte es geraume Zeit, bis er sein Augenlicht zurückgewann. Darüber hatte er den Anblick der Seinen, wie sie eben ein Tor schossen, versäumen müssen. Nur das Jubel-

geschrei, das sich erhob, hat er mit angehört, denn die Ohren konnte ihm Maler Josef nicht auch noch verschließen, so inständig er in diesem Augenblick auch danach begehrte. Wie er mir sagte, versteht Maler Josef darum auch den römischen Kaiser sehr gut, welcher bei einem Anlaß ähnlicher Art, einem Kampf der „Grünen“ gegen die „Blauen“, ein paar seiner Untertanen kurzerhand hatte abführen und köpfen lassen. Diese hatten, ihrerseits den „Grünen“ zugeneigt, hinter seinem Rücken hämische Äußerungen über die von dem Kaiser begünstigten „Blauen“ getan, für welche der Wettkampf ohnedies nicht gut stand. „Köpfen ließ er sie“, sagte Maler Josef beifällig, „da hatten sie es.“ Ich sollte nur einmal am Sonntag mit hingehen, da würde ich den Kaiser verstehen.

Doch da war etwas, das mich abhielt, Maler Josefs Rat zu befolgen. Es war die Scheu vor den vielen Menschen, die sich bei den Spielen versammeln. Sie neigen in solcher Menge zu Einhelligkeiten, zu gemeinsamen Rufen und Chören, denen sie dann nicht selten einhellige Taten folgen lassen. Aber dann sollte ich mir ein solches Spiel wenigstens einmal am Rundfunk mitanhören, riet Maler Josef. Das habe ich dann auch getan, ihm zuliebe, denn ich dachte: ‚Ich will dem Maler Josef nun nicht länger widerstreben und wenigstens am Rundfunk einmal zuhören!‘ War ich doch einst, in meiner Jugend, selber ein Fußballspieler gewesen!

Aber das Spiel muß sich seit meiner Jugend sehr geändert haben, wenigstens kam es mir am Anfang so vor. Einen Ball zwar hatten sie immer noch, wie wir damals auch einen gehabt haben; doch daneben spielten sie anscheinend auch noch mit anderen Dingen. Nach einer Weile erst kam ich dahinter, daß den Sprecher eine Scheu hinderte, den Ball in einem Atem zweimal Ball zu nennen. Den Hofchronisten, die in meiner Jugend von Kaiser Wilhelm zu berichten hatten, ist es ähnlich ergangen, ‚Seine Majestät‘, meldeten sie, ‚ist gestern eingetroffen; der Monarch nahm Wohnung im Schlosse; der hohe Gast wurde jubelnd begrüßt.‘ Das waren drei in einer Person, wie ich mir sonst nur die Dreifaltigkeit selber vorzustellen hatte.

Hier hörte es sich ähnlich an. Der Sprecher berichtete eben noch vom Balle; aber im gleichen Atem hatte er es mit einem Leder sodann mit einer Kugel; einem Ei, einer Bombe und sogar mit einem flitzenden Torpedo zu tun. Doch dieser letzte, zum Glück, flitzte daneben. Der Sprecher schrie darüber laut auf und rief Gott im Himmel an, und der ließ ihn gnädig vorbeiflitzen. Auch ich atmete auf, aber schon gab es wieder etwas zu staunen für mich, das ich denn doch gerne mit eigenen Augen gesehen hätte, lieber jedenfalls als den Torpedo. Ein fliegender Fisch nämlich, so hieß es jetzt, knallte an die Latte. Er muß dabei zerschellt sein, denn die Zuschauer heulten mit hingerissenem Bedauern auf, wie bei einem Feuerwerk, wenn die strahlende Himmelserscheinung sich herabsenkt und mit einem Schlage erlischt; und einen zweiten fliegenden Fisch hatten sie hernach nicht. Sie spielten mit den noch übrigen Dingern weiter.

Eben hatte einer einen Bolzen am Fuß, aber es muß gleichwohl ein herrlicher Mensch gewesen sein. Als einen flachshaarigen Wirbelwind, einen Sonny-boy und Tausendsassa wußte ihn der Ansager nicht genug zu rühmen. Noch jung an Jahren war er, versteht sich, aber dennoch schon Vater, geistiger Vater nämlich des wunderschönen, reinen Vorlagestils, als Dribbler ferner ganz unwiderstehlich, kurz unser blonder Löwe aus dem Kohlenpott. Allein, schon hat auch er seinen Meister gefunden, auch einen aus dem Tierreich, aus dem mythologischen diesmal, nämlich den Cerberus selber.