Wenn die Vereinigten Staaten... die erforderliche Verstärkung der westeuropäischen Verteidigung ermöglichen wollen, so müssen sie neben den Waffenlieferungen ihre wirtschaftliche Hilfe für weitere drei bis vier Jahre fortsetzen. Der hierfür erforderliche Betrag hängt ab von dem Grad der Aufrüstung in den einzelnen Ländern und der Wirkung, die diese Aufrüstung auf die Gesamtwirtschaft in den einzelnen Ländern hat.“

Diese Sätze stehen in dem „Bericht an den Präsidenten der Vereinigten Staaten über Außenhandelspolitik“, den Gordon Gray vor kurzem als Ergebnis eines ihm vor sieben Monaten erteilten Auftrages vorlegte. Seit Beendigung des zweiten Weltkrieges – so hatte Truman seinen Auftrag begründet – habe man eingesehen, daß die amerikanische Außenhandelspolitik in ihrer Konzeption „weltweit“ sein müsse. „Aus diesem Grunde“, erklärte der Präsident, „ersuche ich Gordon Gray, das gesamte Gebiet unserer Außenhandelsbeziehungen zu studieren und Empfehlungen auszuarbeiten, die geeignet sind, uns zu überzeugen, daß durch unsere Maßnahmen nicht nur unsere eigene wirtschaftliche Kraft, sondern auch die der anderen freien Nationen gestärkt wird.“

Der auf eigenen Wunsch im April dieses Jahres von dem Posten des Heeresministers zurückgetretene Gordon Gray war kein Außenhandels-Fachmann: er hatte niemals etwas mit Außenhandelsfragen oder big business zu tun gehabt. Anders sein Vater: er ist der Hersteller der bekannten „Camel“-Zigarette, Besitzer vieler Fabriken und eines großen Vermögens. Der junge Gordon dagegen hielt es nicht mit dem Tabak, sondern mit der Rechtswissenschaft. Er studierte Jura und ließ sich als Rechtsanwalt in Baltimore nieder. Diese Tätigkeit gab er nach zwei Jahren auf und übernahm nun ein bekanntes Verlagsunternehmen im Staat Nord-Carolina sowie die Leitung eines eigenen Rundfunksenders. Dadurch geriet er in das politische Leben seines Heimatstaates, in dem er als Mitglied des Staats-Senats eine Rolle spielte. Bei Kriegsausbruch wurde ihm ein „kriegswichtiger“ lebenssicherer Büroposten angeboten – er lehnte ab. Der 32jährige, glücklich verheiratete Ehemann und Vater von vier Jungen meldete sich zum Waffendienst. Seine militärische Laufbahn begann im Jahre 1942 als Landser auf dem europäischen Kriegsschauplatz; sie endete mit der im Jahre 1946 erfolgten Entlassung als Hauptmann der Reserve. Mitten aus seiner wiederaufgenommenen beruflichen und politischen Tätigkeit berief ihn Präsident Truman im September 1947 als Unterstaatssekretär in das Heeresministerium. Mitte Mai 1949 erhielt er den Rang eines Staatsministers und wurde gleichzeitig mit der Führung der Geschäfte des Heeresministers beauftragt, bis er im Juni des gleichen Jahres vom Präsidenten zum Heeresminister ernannt und vom Staat einstimmig bestätigt wurde. In seiner nur neun Monate währenden Amtszeit als Minister hat Gordon Gray im Heer eine weitgehende Beseitigung der Rassentrennung zwischen Negern und Weißen durchgeführt, obwohl ihn diese Maßnahmen in Gegensatz zu den Südstaaten und zu seinem eigenen Heimatstaat Nord-Carolina brachten. Seine Eingriffe zur Demokratisierung der Armee durch Abschaffung gewisser Offiziersprivilegien und sein Kampf gegen jede Art von Verschwendung machten ihn in höheren Militärkreisen zu einer wenig beliebten Persönlichkeit. Im Ministerium pflegte er regelmäßig um 6.30 morgens seinen Dienst zu beginnen und täglich dreizehn Stunden zu arbeiten. Als Gray im März 1950 um seinen Abschied bat, nahm Präsident Truman dieses Gesuch nur widerstrebend an; Gray mußte ihm zuvor das Versprechen geben, als sein Sonderbeauftragter eine Untersuchung der Außenhandelspolitik der USA durchzuführen, ehe er das ihm angebotene Amt des Präsidenten der Universität von Nord-Carolina annähme.

Gray fordert in seinem Bericht, daß die amerikanische Außenpolitik in ihren wirtschaftlichen, politischen, militärischen und propagandistischen Maßnahmen einheitlich sein müsse. Er sieht das Ziel der amerikanischen Außenhandelspolitik in der Förderung aller jener wirtschaftlichen Bedingungen und Beziehungen, die zur Entwicklung stabiler demokratischer Gemeinschaften notwendig sind. „Diese Ziele“, so heißt es in dem Bericht, „dienen dem Wohl aller Völker, deren nationale Interessen mit denen der USA eng verknüpft sind. Unsere Sicherheit und unser Wohlergehen sind mit ihrer Sicherheit und ihrem Wohlergehen verbunden. Weder wir noch sie können allein leben oder uns allein verteidigen.“ Dies gilt in erster Linie von Westeuropa, „das vom Standpunkt unserer eigenen Sicherheit und der Sicherheit der freien Welt das kritischste Gebiet ist ... Unsere militärischen Programme sind völlig defensiv. Mit ihnen wollen wir lediglich dem militärischen Vorteil begegnen, den der sowjetische Imperialismus jetzt besitzt. Aber auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet müssen die freien Nationen ihre Offensive beibehalten. Sie müssen beweisen, daß ein wirksamer Gebrauch von Hilfsquellen ohne den Verlust der Freiheit durchgeführt werden kann.“ Daher wird in dem Bericht besonderer Nachdruck auf die Erweiterung des „Punkt-Vier-Programms“ zur Entwicklung wirtschaftlich rückständiger Gebiete gelegt.

Der Gray-Bericht, der die Erkenntnisse und Erfahrungen des Marshall Planes gebührend berücksichtigt, enthält mit seinen zweiundzwanzig Empfehlungen die klar umrissene Formulierung einer neuen wirtschaftspolitischen Doktrin, die – wenn sie vom Kongreß in Washington gebilligt werden sollte – in ihrer weltpolitischen Bedeutung einen Vergleich mit der Unabhängigkeitserklärung und der Monroe-Doktrin nicht zu scheuen braucht. Ernst Krüger