Es wird den deutschen Bühnen immer wieder zum Vorwurf gemacht, daß sie an den jungen deutschen Autoren vorbeigehen; und von den Autoren wiederum sagt man, nicht ganz zu Unrecht, daß ihnen die Grundlagen der dramatischen Technik fehlen und ihre Stücke schon deshalb fast nicht aufführbar seien. Selbst Carl Zuckmayer, der brillanteste Autor des heutigen Theaters, hat ja anläßlich der Göttinger Uraufführung seines „Gesangs im Feuerofen“ manch ähnlichen Einwand einstecken müssen, aber Zuckmayer hat dann in Zusammenarbeit mit seinen Regisseuren durch die „Hamburger Fassung“ und jetzt die Kölner Inszenierung das Werk doch für die Bühnenpraxis gewonnen.

Bevor noch dies Musterbeispiel gegeben war, hatte Dr. Siegmund Skraup, der Intendant des Hessischen Landestheaters in Darmstadt, den Plan gefaßt, bereits uraufgeführte Stücke, die gewisse Qualitäten zeigen, deren Schwächen und Fehler aber auch schon offen ans Rampenlicht traten, in entsprechenden Neubearbeitungen der Bühne zu gewinnen. Das ist früher einmal die Regel an allen guten Theatern gewesen und es sollte heute zumindest die Aufgabe der Bühnenverlage sein. Aber da sich seit langem niemand mehr dieser Aufgabe unterzieht, gewinnt das Darmstädter Vorhaben besondere Bedeutung. Zumal in dieser Saison (trotz der allgemeinen Flucht in die Uraufführung um jeden Preis) ein großes dramatisches Ereignis, den Ankündigungen der Bühnenverlage zufolge, nicht zu erwarten ist. So haben sich Hanns Henny Jahnn (mit „Armut, Reichtum, Mensch und Tier“) und Friedrich Dürrenmatt (mit „Romulus der Große“) zu wesentlichen Eingriffen in ihre betreffenden Werke bereiterklärt und werden mit diesen „Darmstädter Fassungen“ in den nächsten Monaten erneut zur Diskussion gestellt werden.

Den Anfang machte das Schauspiel „Der Flüchtling“ von Fritz Hochwälder (nach einem Entwurf von Georg Kaiser), das Anfang 1946 in München durchfiel und mit seinem Konglomerat von Politik und Sexus auch in einer späteren österreichischen Verfilmung („Die Frau am Wege“) nicht überzeugte. Man hat nun das Sexualproblem eliminiert, um die Handlung der drei Personen (des politischen Flüchtlings, des Grenzwächters und seiner Frau) ganz auf die humanitäre Ebene verlagern zu können. Dadurch gewann das Stück an ethischer Glaubwürdigkeit und verlor an psychologischer, zugleich aber entstanden durch die Streichungen wieder anderwärts Längen und unlogische Nahtstellen, die den Abend vom rein Dramaturgischen her wieder fragwürdig machten. Man hätte das Stück wohl vollkommen um- und neuschreiben müssen, zumal sein Grundfehler weniger im Inhaltlichen als im Sprachlichen liegt: in jenem trockenen, steifen und stelzenden, jambenfüßigen Kaiserschen Spätstil aus zweiter Hand, wie Hochwälder ihn hier gepflegt hat.

Intendant Dr. Skraup hatte diesen Fragenkomplex zum Thema einer Art von neuem „Darmstädter Gespräch“ im engsten Kreise gemacht. Er entwickelte dabei weitergehende Pläne zur Förderung des dramatischen Nachwuchses: nicht nur Umarbeitungen erprobter Stücke, sondern auch sogenannte „Lese-Aufführungen“ unbekannter Werke junger Autoren, die gegebenenfalls ins Studio übernommen werden sollen. Der junge Autor soll dazu dann selbst nach Darmstadt kommen, denn ein bühnenwirksames Werk wird nicht nur am Schreibtisch erklügelt, sondern erst aus der Begegnung mit der Praxis der Szene, erst im Schaffensfeuer des Theaters wirklich geboren werden können.

Was Darmstadt in Kranichstein für die jungen Komponisten tut, wird auf dem Theater für die jungen Dramatiker der Kosten wegen freilich nicht in der gleichen Art möglich sein. In Amerika allerdings gibt es nicht nur Lehrkurse für Dramatiker, sondern es ist auch üblich, jeden etwaigen Broadway-Schlager zuerst in der Provinz zu erproben. Aber wer stellt in Deutschland wohl einer mittleren Provinzbühne das Geld für derartige Experimente zur Verfügung?

Ulrich Seelmann-Eggebert