Von Walter Fredericia

In England sind seit einiger Zeit Bemühungen im Gange, den Gesellschaftstanz zum Sport, ja zum Wettkampf in den Olympischen Spielen zu machen. Das ist ein sehr interessanter Vorschlag, der ganz gewiß auf heftigen Widerstand stoßen wird. Denn er wirft unvermeidlich die Frage auf, was überhaupt Sport ist. Diese Frage ist nicht einfach und kann nicht ohne weiteres beantwortet werden. Je geläufiger uns ein Begriff ist, je mehr er im täglichen Leben seine Rolle spielt, desto schwerer läßt sich oft sein Inhalt umgrenzen. So auch der Sport. Was der Staat, was der Krieg, was das Gesetz, was der Verkehr ist – das wissen wir alle aus dem täglichen Leben sehr gut, aber Millionen Menschen kämen in eine ernste Verlegenheit, wenn sie es in einen Satz gültig formulieren sollten.

Möglicherweise kommt „Sport“ vom englischen disport, was soviel wie Zeitvertreib heißt und sich vom lateinischen disportare, das heißt zerstreuen, herleitet. Zu dieser Wortbedeutung würde der Tanz besser passen als beispielsweise das Boxen, wenn man die Sportler und nicht das Publikum ins Auge faßt. Aber Sport hat längst eine Bedeutung erlangt, die sich keineswegs mehr in Zeitvertreib erschöpft. Wir verbinden damit den Begriff, der „Leibesübung“, der Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten bis zur Höchstleistung, die sich im Wettkampf manifestiert. Hierzu paßt der Gesellschaftstanz schon weniger gut, zumindest auf den ersten Blick. Sieht man genauer zu, dann bemerkt man jedoch, daß jeder Sport auch Elemente des Geistigen, ja des Künstlerischen und des Ästhetischen enthält, die, mit der Ausnahme ganz weniger Sportarten, das Element der rohen Kraft meistens weit überwiegen. Daher wäre zuletzt der Gesellschaftstanz mit dem Sport, aus Gründen des Sports, jedenfalls nicht unvereinbar.

Dies ist gesagt unter der Voraussetzung, daß der Gesellschaftstanz hauptsächlich auf den eben erwähnten Elementen, nicht aber auf ganz anderen, beruht. Der Bedeutung des Tanzes auf die Spur zu kommen, mag nämlich noch schwieriger sein, als sich die Bedeutung des Sports klarzumachen. Ganz abgesehen davon, daß die Kulturhistoriker ihn auf religiöse Wurzeln zurückführen, wovon beim heutigen Gesellschaftstanz ganz gewiß nichts übrig ist, bleibt es doch eine große Frage, ob hinter dem Tanz nicht, versteckt oder bewußt, erotische Motive stehen. Ist aber nicht das Erotische überhaupt die Basis des Ästhetischen? Auch dann würde dies nichts gegen die Aufnahme des Tanzes in den Sport besagen.

Mancher wird um des Erotischen willen meinen, daß der Tanz nicht eigentlich Sport sei, weil er viel eher zum Standesbeamten als zum Olympischen Komitee ressortiere. Wer hat aber nun wieder den Sport auf seine Beziehungen zum Erotischen schon erforscht? Die Frage ist nicht so naiv gemeint, wie sie klingt. Es geht nicht darum, ob manche jungen Männer mit Tennis anfangen, um junge Mädchen kennenzulernen und in ihrer Gesellschaft zu sein. Gefragt werden müßte – und das wäre eine sehr ernste Frage –, ob nicht überhaupt der Wunsch, sich im Sport hervorzutun, bewußt oder unbewußt, in hohem Maß darauf hinzielt, dem anderen Geschlecht zu imponieren.

Den letzten Einwand dagegen, dem Tanz die Würde des Sports zu geben, nämlich der Einwand, daß der Tanz seine Bedeutung simpel daraus erhalte, daß hier der Mann auf billige Weise in die Lage kommt, eine Frau im Arm zu halten, sollte man nicht ernst nehmen. Der Gesellschaftstanz als Sport verlangt eine solche Anspannung und Aufmerksamkeit, daß die Tänzer sich schwerlich unsportlichen Anwandlungen überlassen könnten, in welche Gefahr ja schließlich sonst auch die Tänzer auf dem Eise geraten könnten, die längst hoffähig sind bei den Olympischen Spielen.

Die nächsten Olympischen Spiele sollen 1952, wenn es dem „guten alten Onkel Joe“ im Kreml gefällt, in Helsinki stattfinden. Die Deutschen werden vermutlich diesmal teilnehmen, weil man sie schwerlich vom Sportfeld fernhalten kann, wenn man sie auf den Truppenübungsplätzen anzutreffen hofft. Man sollte sich daher auch in Deutschland für den englischen Vorschlag interessieren. Manche Tanzlehrer sind der Meinung, daß Deutschland im Gesellschaftstanz schwerlich einen olympischen Preis heimbringen würde. Sie sagen, in Deutschland werde „wenig, aber schlecht getanzt“, die Tanzschulen würden vernachlässigt und die Autodidakten, die man auf Bällen und in Lokalen sähe, hätten es durchweg nur bis zum „Schwof“ gebracht. Der Fachmann könne zum Beispiel einen ausländischen von einem deutschen Film mit Sicherheit stets dann unterscheiden, wenn tanzende Paare aufträten. Wenn internationale Erfolge erkämpft werden sollen, dann müsse aber der Gesellschaftstanz – es handelt sich um die Tänze Foxtrott, Langsamer Walzer, Tango, Langsamer Foxtrott, Wiener Walzer und, bei Sonderwettbewerben, um Rumba – zuerst in Deutschland selbst Volkssport werden, wie er es in England ist.

Warum nicht? Auch der Fußball ist aus England zu uns gekommen.