Die Idee einer europäischen Union für Kohle und Stahl ist von der öffentlichen Meinung in Italien sehr günstig aufgenommen worden, Das italienische Volk hat an sich selbst erfahren, zu welch tragischen Folgen die Spaltungen und Kriege unter den europäischen Nationen geführt haben. Es hat überdies klar erwiesen und besonders in den Wahlen vom Juni 1946 und April 1948 bezeugt, wie stark es die fundamentale Bedeutung der Alternative zwischen Bolschewismus und westlicher Zivilisation empfindet. In seiner großen Mehrheit ist es sich klar geworden, daß die Alltagsprobleme der Wirtschaft und der Verwaltung abhängig und bedingt sind von dem Grunddilemma, das heute die Weltpolitik in Atem hält.

Es fehlt nicht an Italienern, die sich nach dem Nationalismus zurücksehnen: aber die weitaus große Mehrheit, ohne Unterschied der Klassen, der Landschaften und der politischen Tendenzen, betrachtet den Nationalismus als etwas Überlebtes. Das ist nicht etwa nur eine ethische, sondern eine tatsächliche und historische Erkenntnis. Mag man auch der nationalistischen Epoche nachtrauern, so sagt uns doch der gesunde Menschenverstand, daß sie endgültig überholt ist.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Bildung übernationaler Strukturen, und somit auch die Notwendigkeit einer Konzentration der Kräfte des Westens, um zu verhindern, daß die kommende Völker-Union sich nicht unter den bolschewistischen Zeichen bildet.

Man wertet den Schuman-Plan als die beste Initiative, um endlich dem jahrhundertelangen beklagenswerten deutsch-französischen Gegensatz ein Ende zu bereiten und den ersten konkreten Kern der Europa-Union von morgen zu bilden. Außerdem hat er die Aufgabe, die Kräfte des Westens zu einer solidarischen Zusammenarbeit zu vereinen, die als Abwehr gegen den Druck der Sowjets notwendig ist. Gewiß bringt der Schuman-Plan, rein wirtschaftlich gesehen, für Italien gewisse Schwierigkeiten mit sich, zumal da die Initiative des französischen Außenministers in einem für die italienische Eisenindustrie besonders kritischen Augenblick eingesetzt hat – nämlich, als die von der OEEC gebilligten Pläne für die Reorganisation dieser Industrie bereits in Angriff genommen und auch schon weitgehend verwirklicht waren. Die Schaffung eines einheitlichen Marktes wird natürlich die Vollendung dieser Pläne stören. Deshalb sind während dieser Übergangsperiode besondere Maßnahmen nötig. Dabei läßt es sich für einige Sachgebiete, besonders die italienische Mittel- und Kleinindustrie, kaum vermeiden, daß Nachteile des einheitlichen Marktes fühlbar werden. Wohl wird die Herabsetzung des Stahlpreises, die in Italien die notwendige Folge wäre, die Entwicklung der verarbeitenden Industrie begünstigen. Aber es ist leicht vorauszusehen, daß diese vorteilhaften Folgen wahrscheinlich weniger fühlbar sein werden, als anderwärts die negativen Auswirkungen.

Was Struktur und Gesicht des Gebildes betrifft, der durch den Schuman-Plan ins Leben gerufen werden soll, so ist Italien vollkommen geneigt, einer integralen Anwendung der Grundsätze des Schuman-Plans mit den logischen Folgen, die er nach sich zieht, zuzustimmen. Vor allem muß man eine übernationale Oberhoheit konstituieren: eine nur internationale Institution würde das nationale Moment nicht überwinden, müßte praktisch unwirksam bleiben. Darum sind wir gegen die Anwendung der Regel der Einstimmigkeit und des Vetos.

Auf wirtschaftlichem Gebiet muß die Schaffung eines einheitlichen Marktes, sei es auch nur über verschiedene Phasen – wie in der Anfangsperiode vorgesehen – vollständig verwirklicht werden. Wir sind bereit, die für uns ungünstigen Folgen (wie die Abschaffung der Zölle, die Abänderung des Steuersystems) auf uns zu nehmen. Es ist aber logisch, daß wir auch die Verwirklichung der natürlichen Folgen verlangen, die uns besonders angehen: die tatsächliche Abschaffung aller Formen von Doppelpreisen, die effektive Parität des Zugangs zu den Rohstoffen und die freie Aus- und Einwanderung der Arbeitskräfte, die in der Stahl- und Kohlenindustrie klassifiziert sind, Innerhalb dieser Bereiche.

Was den Zugang zu den Rohstoffen betrifft, ist das Problem der Rohstoffe Nordafrikas aufgetreten. Außer der grundsätzlichen Frage – nach der es unmöglich wäre, eine tatsächliche und dauernde europäische Solidarität zu konstituieren, wenn man die Folgen dieser Solidarität nicht auch auf den afrikanischen Kontinent ausdehnt – besteht die Tatsache, daß Algerien als Bestandteil der französischen Republik in keinem Fall außerhalb des Pools bleiben sollte.

Bezüglich der Arbeitskräfte ist es notwendig, einige praktische Maßnahmen zu ergreifen, um zu vermeiden, daß die Kosten der Institution des Einheitsmarktes auf den Arbeitern in Gestalt einer Zunahme der Arbeitslosigkeit lasten. Die Oberhoheit sollte daher eine Kasse schaffen, am eine Neueingliederung der Arbeiter mit entsprechenden Fürsorgeeinrichtungen möglich zu machen, um also die Arbeiter in den Arbeitsmarkt wiederaufzunehmen. Aber es gibt auch eine Grundfrage, über die sich Italiener und Deutsche einig sind: man kann die Fragen der Arbeitskräfte nicht als gesonderten Bereich, unabhängig von den andern Faktoren der Produktion, betrachten. Diese Überlegung führt zu dem Grundsatz: im Kohlen- und Stahlbereich müssen die Hindernisse für eine freie Ein- und Auswanderung der Arbeitskräfte beseitigt werden (es versteht sich, daß es sich um die Kohlen- und Stahlarbeiter handelt, die – über die Unternehmen – von der Oberhoheit abhängen). Das erscheint uns notwendig, um zu einem tatsächlichen einheitlichen Markt und zu einer übernationalen Einheit zu gelangen. Wir halten die freie Aus- und Einwanderung für überaus wichtig. Der Grundsatz, den wir angeführt haben, entspricht den allgemeinen Forderungen der vollkommenen Harmonie des Schuman-Plans.