Es gibt Menschen, die gute Ideen haben, aber sie nicht zu verwirklichen verstehen: weil sie zu weitsichtig sind, um zu wissen, wie man das anpacken muß, was zunächst liegt. Es gibt andere, die sich gerade darauf verstehen, aber viel zu kurzsichtig sind, um zu wissen, wohin ihr Tun eigentlich führt. Im besten Falle verwirklichen die einen die Pläne der anderen, und dann ergibt sich ein Verhältnis wie das der letzten amerikanischen Präsidenten zu ihrem Brain Trust. Meistens aber stehen sie auf schlechtem Fuß miteinander...

Menschen, die gute Augen haben, die weit sehen und doch scharf genug, um den Pfad im Dickicht zu finden, wenn sie einem fernen Ziele folgen, scheinen sehr selten zu sein. Jean Monnet hat solch gute Augen.

Genügt das, um ihm die moralische, nicht nur technische Autorität, das überparteiliche Ansehen zu geben, über die er in Frankreich verfügt und die alles Mißtrauen zum Schweigen bringt? Denn, um die Wahrheit zu sagen, als der Schuman-Plan bekannt wurde, gab es auch in Frankreich manch einen mißtrauischen ersten Reflex – obwohl niemand an der Lauterkeit und europäischen Gesinnung Robert Schumans zweifelt. Trotzdem ist manchem der Gedanke gekommen: es handele sich vielleicht doch wieder nur um einen politischen Schachzug, um ein Mittel für irgendwelche anderen Zwecke. Im besten Fall um viel Lärm um nichts – im schlimmeren um einen raffinierten Versuch, die internationalen Industriekartelle der Vorkriegszeit Wiederaufleben zu lassen, eine großkapitalistische Interessenverflechtung zum Nutzen einer kleinen Schicht und zum großen Schaden der Völker. Es war nur ein erster Reflex. Der Name Jean Monnets brachte jeden Argwohn zum Schweigen. Sein Name war eine Bürgschaft dafür, daß keine Produktionsbeschränkung geplant war, um durch Ausschaltung von Konkurrenz die Preise hoch zu halten, keine Senkung des Lebensstandards auf das Niveau der sozial unentwickeltsten der teilnehmenden Länder. Sein Name war eine Bürgschaft dafür, daß es sich wirklich darum handelte, die Menschheit um einen Schritt vorwärts zu bringen.

Jean Monnet ist kein Mensch, der in den Wolken lebt, sondern in der Wirklichkeit von heute und zugleich von morgen. Ein Mann, der in Ideen lebt und dem sie zur Aufgabe werden. Der sieht, was nicht ist, aber sein soll, und nun nicht ruht, bis es unter seinen Händen geworden ist. Ob Monnet Zeit seines Lebens dazu gekommen ist, sich mit Philosophie zu befassen, ob sie ihn überhaupt interessiert, ich weiß es nicht. Und eine Universität hat er nie besucht. Aber er lebt, was sie lehrt.

Seine Lebensgeschichte ist merkwürdig genug. Er wurde vor 62 Jahren in Cognac geboren und sein Vater war, wie es dem Geist des Ortes entspricht, Cognacfabrikant. Besser gesagt, er hatte die kleinen Erzeuger vereinigt und unternahm es, mit ihrer Produktion unter der Marke J. G. Monnet et Co. den „big five“ des Cognacs, den Hennessy, Martell und Rémy Martin, Courvoisier und Dubouché, die damals wie heute den Markt beherrschten, Konkurrenz zu machen. Das war um die Jahrhundertwende.

Der alte Monnet hatte den Ehrgeiz, seinen Cognac auch auf den Weltmärkten einzuführen. Er ließ seine beiden Söhne nicht die Universität beziehen, sondern schickte sie gleich nach dem Bachot – dem französischen Abiturium – als Vertreter der Firma ins Ausland. Jean, der Jüngere, ging nach Kanada – und es gelang ihm, das väterliche Erzeugnis an die berühmte Hudson Bay Company zu verkaufen. Und dabei so gute Beziehungen zu dieser gewaltigen Handelsfirma anzuknüpfen, daß er seinem Vaterland 1914 einen 100-Millionen-Kredit, in Goldfrank, bei ihr zu verschaffen vermochte – noch ehe die Marneschlacht entschieden war, also im kritischsten Moment. Das war, mit 26 Jahren, Monnets erstes Erscheinen im öffentlichen Leben.

Gerade von einer schweren Krankheit genesen und deshalb vom Militärdienst befreit, wurde er vom französischen Handelsministerium zu Auslandsmissionen verwandt. Bald sah er, daß sich nicht etwa nur die Ententestaaten und ihre Gegner, sondern auch die Alliierten untereinander bei denselben Lieferanten sinnlos überboten, daß sich die Waren in den Häfen im wüstesten Durcheinander Staaten. In einem Bericht an seinen Chef, den Handelsminister Glémentel, schlug eiseinen ersten Pool vor: gemeinsam organisierten Einkauf Englands und Frankreichs, gemeinsame Organisation des verfügbaren Schiffsraums. Die Regierungen nahmen seinen Vorschlag an, und Jean Monnet wurde mit seiner Durchführung betraut. So ward er Schöpfer und Leiter zweier interalliierter Komitees, an denen außer Frankreich und England später auch Italien und die Vereinigten Staaten teilnahmen, des Wheat Executive und des Allied Maritime Transport Council. Einer seiner französischen Mitarbeiter war Henri Bonnet, der jetzige Botschafter in Washington; sein junger englischer Kollege wurde später ein prominenter Nationalökonom: Sir Arthur Suiter; Amerikas Vertreter hieß William E. Bullitt, später Boosevelts Botschafter in Moskau und Paris. Alle diese Männer und noch andere, mit denen er damals in Kontakt kam, wie Sir Robert Cecil wurden Monnets Freunde.