In den vorangegangenen Artikeln unserer Serie (vgl. „Die Zeit“ vom 28. 9. „Warum Rüstungsboom?“, vom 5. 10. „Wie wird heute finanziert?“, und vom 12. 10. „Jetzt Preiseinbrüche?“) haben wir die augenblickliche Lage und die Aussichten für die Entwicklung in der nächsten Zukunft analysiert. Diese Analyse wäre unvollständig, wenn wir nicht einen Versuch machen würden, darüber hinaus auch noch wenigstens eine gewisse Vorstellung von dem zu gewinnen, womit wir auf diesem Gebiete auf etwas längere Sicht rechnen dürfen.

Wird ein etwaiges Nachlassen der augenblicklichen Rüstungskonjunktur in absehbarer Zeit in den USA und damit auch in der übrigen Welt zu einer ausgesprochenen Krise führen – womöglich gar in dem gleichen Ausmaße wie 1930–1933? So lautet die in diesem Zusammenhang oft gestellte Frage. Oder wird die Produktion und speziell die Investitionstätigkeit in den für die ganze weltwirtschaftliche Entwicklung maßgebenden USA dann neue Anregungen von einer anderen Seite erfahren, die sie vor einem jähen Abgleiten bewahren werden?

Schon ein Blick auf die Entwicklung der Investitionstätigkeit in den USA in den letzten Jahren zeigt, daß dort heute noch – auf vielen Gebieten, vor allem im Bereich des Wohnungs- und des Kraftfahrzeugbaus – ein riesiger Nachholebedarf besteht, der teils wegen der Produktionsunterbrechung während der Kriegsjahre, teils im Zusammenhang mit dem allgemein gestiegenen Wohlstand der Bevölkerung entstanden ist, die nun entsprechend höhere Ansprüche auch in dieser Hinsicht stellt. Im Gegensatz zu der Lage bei kurzlebigen Verbrauchsgütem konnte dieser Bedarf in den ersten Nachkriegsjahren noch bei weitem nicht befriedigt werden, was in erster Linie mit dem mit den damaligen stark überhöhten Preisen verbundenen außergewöhnlich hohen Risiko zusammenhing, das die Investitionstätigkeit lähmte. Erst die seit 1948 stark gesunkenen Preise und die öffentliche Forderung der Bautätigkeit führten im vergangenen Sommer zu einer stärkeren Belebung der Kraftwagenproduktion und vor allem des Wohnungsbaus. Doch muß jetzt beides wieder eine sehr erhebliche Einschränkung erfahren, um die Durchführung des Rüstungsprogramms sowohl hinsichtlich der Rohstoffversorgung als auch hinsichtlich der Finanzierung zu sichern. So bildet dieser bisher immer wieder zurückgestellte angestaute Riesenbedarf an neuen Wohnungen, Kraftfahrzeugen und anderen dauerhaften Konsumgütern einstweilen weiterhin die Garantie dafür, daß die amerikanische Wirtschaft auch nach der Beendigung der gegenwärtigen einmaligen Rüstungskonjunktur noch jahrelang vor einer Krise bewahrt bleiben wird, zumal die Verhältnisse auch in den meisten anderen Ländern sehr ähnlich liegen. Die weitgehende Parallelität mit der Lage nach dem ersten Weltkriege, als das Vorhandensein des gleichgearteten Nachholeund Erweiterungs-Investitionsbedarfes der ganzen Weltwirtschaft nach der Überwindung der kurzen (wenn auch sehr heftigen) Anpassungskrise 1920/21 bei stark gesunkenen Preisen die Vollbeschäftigung bis 1929 sicherte, ist mutatis mutandis augenscheinlich. W. v. G.