Die Einzelzelle der Gefängnisse diktatorischer Machthaber wird immer mehr zur Einsiedelei des modernen Menschen, dessen Martyrium in den Verhörsmethoden der Geheimpolizei besteht. Aber der politische Häftling unserer Tage nimmt die Prüfung der „gottunmittelbaren“ Einsamkeit nicht freiwillig auf sich wie die religiösen Asketen und ist innerlich nur unvollkommen vorbereitet auf die Verzweiflungen und Qualen der letzten Verlassenheit. Quousque tandem, Domine? – diesen Notschrei finden wir in einer der ersten Aufzeichnungen aus dem Gefängnistagebuch des Norwegers Petter Moen, das Edzard Schaper ins Deutsche übersetzt und herausgegeben hat. („Der einsame Mensch Petter Moens Tagebuch, ein Buch der Arche in der Nymphenburger Verlagshandlung, 1950, 150 S.) Moen, im Zivilberuf Versicherungsmathematiker, während der Besatzungszeit Redakteur an der illegalen norwegischen Zeitung „London Nytt“, wurde 1944 in Oslo verhaftet. Sein Tagebuch hat er in Papierrollen gestochen und dem Luftschacht seiner Zelle anvertraut, wo man es nach dem Kriege unversehrt wiederfand; er selbst ist auf dem Transport nach Deutschland mit der „Westfalia“ untergegangen.

In seinen Aufzeichnungen zeigt sich Petter Moen als spekulativer Kopf mit stark analytischen Neigungen, noch in gärender innerer Entwicklung begriffen, An Wandlungen von Melancholie und Lebensüberdruß unterworfen, wissenschaftsgläubig und in hohem Maße wahrhaftig gegen sich selbst. Im Angesicht der Verzweiflung kämpft er um die letzten Positionen der Selbstbewahrung gegenüber dem immer sichtbarer werdenden „Partner“ Gott. Unter der Einwirkung des fast metaphysischen Grauens, das die Verhöre und Mißhandlungen der Gestapo in ihm auslösen, glaubt er die Nähe Gottes deutlich zu spüren. Läßt die unmittelbare Bedrohung nach, so beginnt der Streit zwischen Glauben und Wissen von neuem, er versucht, den Gott, zu dem er eben noch betete, als ein Produkt der Schwäche und Angst, eine Erfindung des an sich selbst verzweifelnden Menschen zu entlarven. Nur in den Augenblicken der höchsten Not findet er die innere Kraft zum sacrificium intellectus.

Edzard Schaper, der über das erregende Problem der „Freiheit des Gefangenen“ in eigenen Werken Überzeugendes und Wesentliches ausgesagt hat, vergleicht in seinem Vorwort Moens Rechenschaftsbericht mit dem Buch Hiob, nur daß der Norweger mit seinem Gott nicht „rechte“, sondern „rechne“. Nach den letzten Äußerungen des Tagebuchs hat Moen das Spiel „auf dem Schachbrett der Theologie“ verloren. Wer aber weiß, was in jenem entscheidenden Augenblick geschah, als Moen auf der sinkenden Westfalica im Angesicht des Todes vor der letzten Glaubensentscheidung stand? Geno Hartlaub