In einem Gedicht, überschrieben „Erinnerung“ und weit zurückliegend, hat Ricarda Huch sich mit dem Baum am Bergesrand verglichen: „Hoch überm Abgrund hing ich / windbewegt auf schroffem Stein.“ Später folgt die Zeile: „rauschte, verwelkte, blühte“ – ein Vers, der mit seiner betonten Umstellung einer als natürlich gewohnten Reihenfolge fast als eine Art Schlüsselwort gelten könnte für den archaischen Rhythmus dieses so unbedingt ursprünglichen Lebens. Zumindest empfindet man so, wenn man auf die Lektüre jener Biographie zurückblickt, die Ricarda Huchs Freundin Marie Baum unter dem Titel „Leuchtende Spur“ hat erscheinen lassen. (Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen und Stuttgart, 520 S., Leinen DM 16,50).

Maria Baum hat Ricarda Huch während der Züricher Studienjahre kennen gelernt. Obwohl sie in der Folgezeit zumeist räumlich getrennt waren, bestand zwischen ihnen ein inniger Kontakt. Die Vertrautheit hat sich in mehr als 1600 Briefen Ricarda Huchs bezeugt. Schon die reiche Auswahl aus diesem Briefschatz sichert der Biographie ergriffene Aufmerksamkeit. Es verschlägt nichts, daß Marie Baum die Deutung der geistigen Gestalt Ricarda Huchs unversucht läßt. Sie trägt dennoch wesentliche Züge zu deren Erkenntnis bei, indem sie den einzelnen Stadien des Lebenslaufs der großen Freundin die Entstehungsgeschichte der zugehörigen dichterischen und literarischen Werke koordiniert. Eine bezwingende, ungebrochene Einheit von Bios und Schaffen rückt dergestalt vor das Bewußtsein. Man begreift, wie sehr das Verehrungsheischende und Dauerversprechende, das sich für uns mit dem Namen Ricarda Huchs verknüpft hat, in dem tapferen Vollzug alles vom Schicksal Verhängten gleich wie in einem Wesensgeheimnis wurzelt. Man erlebt betroffen nach, wie die phänomenale Produktivität Ricarda Huchs sich aus der äußersten Hingabe an Stürme, Bedrängungen, Notwendungen nährte. Die starke autobiographische Elementarsubstanz etwa der „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren“, der Lebensskizzen „Aus der Triumphgasse“, von Schriften wie „Luthers Glaube“ und „Entpersönlichung“, die Affinität zu historischen Figuren wie Garibaldi, Confalonieri, Wallenstein, zum Typus des Rebellen schlechthin, tritt zumal für die ans Licht, die, anders als die Älteren, nicht so sehr durch Kennerschaft mit dem nicht rasch zu überschauendem Oeuvre Ricarda Huchs konjugiert sind. Bewunderswert, ohne ein Wörtlein zuviel oder zuwenig, vergegenwärtigt Marie Baum die den Zerfall der Ehe überdauernde Verbundenheit der Dichterin mit Ermanno Ceconi und die um den Vetter und Schwager Richard Huch kreisende Liebespassion. Erschütternd sprechen von Marie Baum mitgeteilte Briefe aus, wie sehr Ricardas Herz fürchten konnte, noch zu sterben „an der ewigen Selbstbeherrschung“. Dieses Herz – in dem auch hier abgedruckten Gedicht „Mein Löwe“ apostrophiert – gesteht: „Die hingebende Liebe der Frauen zu den Männern ist offenbar das Verbrechen der Frau, das an ihr heimgesucht wird.“

Drei Photos, die Dichterin mit dreißig, fünfzig und achtzig Jahren zeigend, schließen sich zu einem Triptychon begnadeter Wandlung zusammen. Doch steigt der „Duft des Persönlichen“ auch aus drastischen Stoßseufzern wie diesem (aus dem November 1947) auf: „Wenn man achtzig Jahre alt ist, muß man sich daran gewöhnen, der weiße Elefant zu sein, der für Geld gezeigt und mit einem Gemisch von Ehrfurcht und Mitleid angestarrt wird. Er macht ein ernsthaftes Gesicht und lacht im stillen: Ihr Schafsköpfe, ihr werdet schon merken, daß man mit achtzig Jahren auch nicht viel anders ist als die anderen.“ Hansgeorg Maier