Von Stahltreuhänder Heinrich Dinkelbach, Düsseldorf

Die Entwicklung des Eisen- und Stahlmarktes wird bereits seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch das Widerspiel von Marktabsprachen und expansiven Tendenzen einer auf dem Wettbewerb beruhenden Wirtschaftsordnung gekennzeichnet. Hierbei zeichnen sich zwei Perioden deutlich ab. Die erste Periode, die bis zum zweiten Weltkrieg reicht, versucht – unter Beschränkung auf produktionsregelnde und preispolitische Maßnahmen – die akuten Schwierigkeiten auf den In- und Auslandsmärkten fallweise zu lösen. Nach dem Zwischenstadium der Kriegswirtschaft setzt 1945 die zweite Periode mit einer klar erkennbaren Tendenz ein. Die Notwendigkeit einer finanziellen Unterstützung der meisten europäischen Staaten nach dem Kriege veranlaßte die US-Regierung zu überlegen, in welcher Form diese Unterstützungen nutzbringend verwendet werden könnten. Ihre Gedanken hat sie grundlegend in den Verhandlungen für den Abschluß einer Welthandelscharter entwickelt. Diese Charter ist von 54 Staaten unterzeichnet worden.

Die Charter geht von dem Grundsatz der Wettbewerbswirtschaft aus. Es ist aber bezeichnend, daß sie im Hinblick auf die Erfahrungen der vorangegangenen Jahrzehnte den Grundstoffen eine Sonderstellung einräumt. Während die Charter sonst von dem grundsätzlichen Verbot von Marktabsprachen ausgeht, sieht sie hier vor, daß zur Stabilisierung der Rohstoffmärkte zwischenstaatliche Abkommen notwendig sein können. Derartige Abkommen können auch für Stahl in Frage kommen. Da die Havanna-Charter noch nicht in Kraft getreten ist, hat die US-Regierung in der Zwischenzeit versucht, die Grundsätze der Charter in den Rahmen des Marshall-Plans einzuführen.

Gerade dem Marshall-Plan aber fehlte die übergeordnete Zusammenfassung der europäischen Staaten, unter dem Gesichtspunkt einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit im weiteren Sinne der zwischenstaatlichen Abkommen der Havanna-Charter. Diese Lücke versucht der Schuman-Plan auf dem Gebiete von Kohle und Eisen auszufüllen. Mit dem Zusammenschluß dieser beiden Teilmärkte (Kohle und Stahl) verbindet der Schuman-Plan die Verwirklichung umfassender politischer Ziele. Sie bezwecken die Herstellung einer dauerhaften Gemeinschaft zwischen Deutschland und Frankreich als einen wichtigen Schritt zur Sicherung des Friedens und der Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts. Wenn auch hierbei zunächst die deutsch-französische Zusammenarbeit im Vordergrund steht, so soll darüber hinaus eine Gemeinschaft der westlichen Nationen entstehen. Diese wird hoffentlich bald auch Großbritannien einschließen. In der von dem Plan angestrebten Organisation darf daher keineswegs lediglich eine Einrichtung zum Abschluß kommerzieller Abmachungen unter Wiederholung früherer Auffassungen und Formen gesehen werden.

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In der ersten Periode bis zum zweiten Weltkrieg waren die organisatorischen Mittel für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit der Zusammenschluß von Unternehmungen sowie preis- und absatzregelnde Kartellvereinbarungen. Dabei hat sich immer wieder gezeigt, daß die Nachbarschaft von Kohle in Deutschland und Erzen in Frankreich stärker war, als isolierende Maßnahmen wirtschaftlicher oder politischer Natur. Der Schuman-Plan reiht sich in eine hundertjährige Entwicklung der wirtschaftlichen Verknüpfungen zwischen der Ruhr, Lothringen und Luxemburg ein. Die wirtschaftliche Raumverflechtung wurde besonders intensiviert in der Phase, die mit der Einführung des Thomasverfahrens (1878) einsetzte und zum Aufschluß der großen phosphorhaltigen Minettelager Lothringens als Ausgangsmaterial für die Massenerzeugung von Flußstahl führte. Die Ruhr sicherte sich eigene Minettefelder im deutschen wie im französischen Teil Lothringens, und Thyssen erweiterte seine Erzinteressen bis nach Caen an der atlantischen Küste. Andererseits erwarb die französische Stahlindustrie unter der Führung des Großindustriellen de Wendel Erzkonzessioren im deutschen Teil Lothringens.

Für die frühere montanwirtschaftliche Verknüpfung des Raumes Ruhr–Lothringen–Luxemburg war auch die Entwicklung der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-A.G. beispielhaft. Sie umfaßte vor dem ersten Weltkrieg u. a. das Eisen- und Stahlwerk Differdingen, die Eisen- und Stahlwerke der Union in Dortmund, mehrere Ruhrzechen und die Saar- und Mosel-Bergwerksgesellschaft. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Besitz Verhältnisse in Deutschland einerseits, Frankreich einschließlich Lothringen und Luxemburg andererseits getrennt.