Von Jan Molitor

Viereinhalbtausend junge Europäer aus zehn verschiedenen Ländern waren in Omnibussen, auf Fahrrädern, per Bahn und als Tramps in Straßburg zusammengeströmt. Mit Fackeln und den wehenden grünen Fahnen Europas zogen sie vom Stadtzentrum zum Europa-Haus, dem Sitz des Europarates, und überbrachten der Beratenden Versammlung eine Botschaft, die ihr und ihrem Ministerrat "Schwerfälligkeit und Zögern" vorwarf und die sofortige Bildung der Europa-Union forderte. Vor knapp zwei Jahren hätte sich kein auch noch so inoffizieller Hitzkopf getraut, solche Vorwürfe gegen ein Gremium zu richten, das am selben Tage gerade einen detaillierten Plan zur Aufstellung einer westeuropäischen Armee angenommen hatte.

Fast gleichzeitig mit dem Eintreffen der jungen europäischen Demonstranten, beendete ein erstes europäisches "Gegenparlament" seine konstituierende Sitzung. Vier Tage lang hatte in der Orangerie zu Straßburg der "Europäische Aktionsrat" getagt, der sich aus Mitgliedern der drei bedeutendsten inoffiziellen Europa-Bewegungen zusammensetzt. Auch sein Ziel war es, die Beratende Versammlung unter Druck zu setzen. Und als er auseinanderging, war tatsächlich im gegenüberliegenden Europa-Haus die "klein-europäische" Lösung eines Zusammenschlusses ohne England bereits fallengelassen worden. An ihre Stelle trat der "Mackay-Plan". Sieben hervorragende Angehörige der Beratenden Versammlung – unter ihnen Professor Carlo Schmid und Sir David Maxwell-Fyfe – wurden eingesetzt, diesen Vorschlag des britischen Labour-Abgeordneten zu untersuchen, der nichts anderes vorhat, als den Europarat in eine europäische Regierung umzuwandeln ...

Vielleicht war es in Straßburg so: Der Demonstrationszug der europäischen Jugend hatte die Offiziellen nachdenklich gestimmt, hatte sie bereitgemacht, auf einen Vermittler zu hören, auf diesen Mr. R. W. G. Mackay. Die europäische Jugend, die am Startpunkt ihrer Demonstration von Monsieur Mille gehört hatte, sie möge schweigend demonstrieren, hatte sich an diese Parole nicht unbedingt gehalten. "Wir lärmten nicht", sagte einer der Teilnehmer, "aber wir zeigten Temperament." Schließlich hatte Henry Spaak sie von der Freitreppe aus beruhigen können, die Tausende von jungen Europäern sowohl als auch die paar Hundert belgischer Monarchisten, die mit im Zuge marschierten, weil sie – aus innerpolitischen Gründen! – gegen den belgischen Sozialisten Spaak demonstrieren wollten. "Ihr müßt", so hatte Spaak in seinem eleganten, geschliffenen Französisch der europäischen Jugend zugerufen, "nicht in Straßburg, wo doch wirklich gearbeitet wird, demonstrieren, sondern ihr müßt eure europäischen Forderungen den Parlamenten der Nationalstaaten vortragen. Dort, wo es immer noch allzu viele nationale Souveränitätsansprüche gibt, dort müßt ihr an die Türen klopfen!" Der Sprecher der Jugend aber, der französische Sozialist Gaston Carilla, hatte darauf folgendes entgegnet: ,,L’Europe est présente!" – Und er hatte den guten Willen der Delegierten bezweifelt und gerufen: "Ihr wollt nicht oder ihr könnt nicht, und wenn ihr nicht wollt, müßt ihr abtreten!" und hatte hinzugefügt: "Jawohl, wir wollen Europa verteidigen, aber nur als gemeinsames Vaterland!" Danach waren Rufe aus der Menge laut geworden, die sich an Spaak wandten: "De réponse! – Antwort!" Eine Antwort aber kam nicht mehr. Auf der Heimfahrt in ihre zehn verschiedenen Länder hörten die Jungen dann, daß ein anderer an anderer Stelle Antwort gegeben hatte: Mister Mackay mit seinem "Mackay-Plan".

Ein Labour-Mann. Zugleich ein Außenseiter, wie seine Freunde in Straßburg sagen. Dieser sympathische ruhige Schotte sei – so loben sie – nicht unbedingt parteilinientreu: Zwar Labour-Abgeordneter im Unterhaus, sei er ein europäischer Föderalist durch und durch. "Kein Europa ohne England", sagt er, der Idealist, und schlägt als ein. kompromißfreudiger Taktiker vor –: da man in Straßburg offenbar nicht die beste politische europäische Behörde entwickeln könne, möge man die bestmögliche, die von den Regierungen aller Mitgliedsstaaten angenommen werden könne, entwickeln. Er will den Europarat in ein Parlament mit zwei Häusern verwandeln. Die heutige Beratende Versammlung soll das Unterhaus bilden, der jetzige Ministerausschuß das Oberhaus. Wird ein Gesetzesentwurf – so sagt der Plan Mackay – in beiden Häusern gebilligt und von den Regierungen der Länder angenommen, so ist ein europäisches Gesetz entstanden. Wenn freilich auch nach wie vor der Einspruch eines einzigen europäischen Landes genügt, ein solches Gesetz zu verhindern, so glaubt Mackay doch vieles erreicht, wenn der Europarat erst überhaupt befugt sei, als Gesetzgeber zu wirken. Daß jedes einzelne Gesetz der Zustimmung jeder einzelnen Länderregierung bedarf, dies, so meint Mackay, sei geeignet, die bisherigen Bedenken Englands und der skandinavischen Länder gegenüber Europa zu zerstreuen. Was aber geschah? England und Norwegen haben bereits Bedenken auch gegen den Mackay-Plan angemeldet. Wer sich unverzüglich für den Plan erklärte, war die deutsche Delegation. Und wer dem Plan inoffiziell zustimmt, ist der junge Deutsche, der nach seiner Rückkehr aus Straßburg sagte, Mr. Mackay habe ihn weitaus mehr, als Herr Spaak dies hätte tun können, in seiner Hoffnung auf Europa bestärkt. Und er fügte hinzu, seine Freunde unter den Reisenden nach Straßburg dächten wie er.

"Wie war die Reise? Sturm auf Grenzpfähle wie im August?" – "Unsere Hamburger Gruppe war zwei Tage zu früh losgefahren. Organisationspech. Wir hielten uns in Bad Homburg auf und in Heidelberg: von dort begann die Fahrt aller deutschen Gruppen, 800 Mann in 22 Autobussen. Monsieur Mille aus Paris, der mit dem Straßburger Professor Mouskhély als Organisator der Demonstration in Erscheinung trat, holte uns in Heidelberg ab. Abends gegen fünf trafen wir in Straßburg ein; es hatte nicht die geringsten Schwierigkeiten an der Grenze gegeben. In der Straßburger Markthalle, bei der Bekanntgabe über die Aufstellung des Demonstrationszuges, passierte es übrigens, daß Monsieur Mille die Gruppe aus dem Saargebiet französisch ansprach. Dies hatte sicherlich nichts zu bedeuten, aber die Saar-Gruppe rief: "Bitte, sprechen Sie Deutsch!" Was auch geschah.

"Wer ist Monsieur Mille?" – "Es heißt, daß er de Gaulle nahestünde; im übrigen ein Idealist, dem es glühend ernst ist in seiner Werbung für Europa. Er sagte, wir Deutschen hätten die meiste Disziplin, eine Beobachtung, die den Tatsachen entsprach; wir nahmen’s als Kompliment und stellten uns ohne langes Hin und Her in Fünfer- oder Sechser- oder Dreier-Reihen auf, wie’s gerade traf, marschierten in der Kolonne der Fünftausend, natürlich ‚ohne Tritt‘. Wir erlebten Spaak und hatten das Gefühl, wir würden nicht störend empfunden, obwohl wir doch zum Protestieren kamen. Wir hatten seine Sympathie. Hatte er nicht im August erklärt, wir sollten statt mit dreißig Mann beim nächsten Male mit dreitausend kommen? Nun waren es fünftausend, die ihm entgegentraten, denn zu unseren Viereinhalbtausend hatten sich noch fünfhundert aus Straßburg gesellt. Die Jugend will Europa, das ist keine Frage. Die Jugend will auch den Frieden. Diese Gewißheit nahmen wir Deutschen mit nach Hause, zugleich die schöne Erfahrung, daß es unter der in Straßburg versammelten Jugend, unter all den Franzosen, Engländern, Belgiern, Holländern, Schweizern, keine Aversion gegen uns junge Deutsche gab, es gab nur eine echte Kameradschaft. Schon deshalb möchte ich wieder nach Straßburg fahren, beim nächsten Male..."

"War denn Gelegenheit, sich mit Kameraden aus anderen Ländern auszusprechen?" – "Zu wenig Gelegenheit. Wir Deutschen – bestrebt, ordentlich zu sein – hielten uns an unseren Autobussen fest. Wer es nicht tat, geriet ins Gedränge. Wir trafen einen jungen Belgier, der umherirrte und uns bat, ihn mitzunehmen. ‚Nach Deutschland?‘ – ‚Mon dient‘ – Er hatte seinen Autobus nach Belgien verpaßt. Einige von uns Deutschen wollten das Straßburger Münster sehen, gingen los und kamen zur Abfahrt unserer Wagen nicht rechtzeitig zurück. Als die Autobusse gegen drei Uhr nachts abfuhren, bedauerten viele, nicht Zeit genug zu Gesprächen gehabt zu haben. Ich hatte gerade soviel Muße gehabt, die Polizisten zu fragen, was sie von Europa hielten. Die meisten sagten, daß sie Beamte seien, nur einer rief begeistert: ‚C’est wie chose!‘ Ein junger Franzose fragte nach meiner Ansicht über eine deutsche Remilitarisierung und fügte, ehe ich noch antworten konnte, hinzu: ‚Wenn eine Europa-Armee, dann nur mit gleichberechtigtem Deutschland.‘ Und ein alter Italiener, der uns am Autobus besuchte, mischte sich in ein Gespräch zwischen einem Belgier und einem Saarländer mit den Worten: ‚Alt kann sich an Jung ein Beispiel nehmen. Was die Alten trennt, verbindet die Jungen: das gleiche Erlebnis des letzten Krieges und die klare Erkenntnis dessen, was notwendig ist‘..."