Von Edgar Gerwin, London

An den Sorgen der britischen Stahlindustrie kann man besonders deutlich das Dilemma studieren, das sich aus den zusätzlichen Rüstungsaufträgen für eine bereits vollbeschäftigte Wirtschaft ergibt. Zwei Tendenzen kommen sich dabei in der Stahlindustrie ins Gehege: Die Tendenz, möglichst viele alte und neue Exportmärkte offenzuhalten und die andere Tendenz, dem Staat keine Gelegenheit zu geben, aus inländischen Versorgungsschwierigkeiten die Berechtigung zu neuen Verteilungskontrollen ableiten zu können. Diese zweite Tendenz wird durch den formellen Beginn der Stahl-Verstaatlichung und durch Hoffnungen auf Neuwahlen mit anti-bürokratischen Wahlparolen der Konservativen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch wichtig.

Im Augenblick besteht bei den einzelnen Stahlindustriellen Neigung, eher ein wenig vom laufenden Export zu opfern als eine Herausforderung des bürokratischen Drachens zu riskieren. Man stellt deshalb folgende Rechnung auf Englands Stahlproduktion dürfte den Voranschlag für 1950 von 15,5 bis 16 Mill. t mit einer tatsächlichen Produktion von 16,25 Mill. t noch übertreffen. Damit wird der Einfuhrausfall (nur etwa 600 000 t gegenüber Erwartungen von 850 000 t) wettgemacht und der höhere Voranschlag zur Wirklichkeit. (Bei der verstaatlichten Kohle umgekehrt ist selbst die niedrigere Ziffer der amtlichen Schätzung von 218 bis 223 Mill. t gefährdet und die Regierung hat bekanntlich die Kohleneinfuhr aus den USA beschlossen, um wenigstens einen Teil des erwarteten Defizits von 3 Mill. t in diesem Winter auszugleichen.) Die Stahlausfuhr erreicht etwa einen Rohstahl-Gegenwert von 3 Mill. t. Das Rüstungsprogramm wird nur langsam anlaufen und zudem – im Zeichen der Vollbeschäftigung – andere Verarbeiten verdrängen müssen, daher also zunächst nur wenig Stahl zusätzlich brauchen.

Summa summarum: Englands Stahlindustrie – die sich übrigens, als die Zuteilungskontrollen aufgehoben wurden, im Falle von Knappheitserscheinungen zur bevorzugten Versorgung des Binnenmarktes verpflichtet hat – glaubt im langsamen Tempo der Rüstungsumstellung und in der möglichen Exporteinschränkung genügend Spielraum zu finden, um der Regierung eine neue Zuteilungsbürokratie ausreden zu können.

Auch die privatwirtschaftlichen „Planes“ der Stahlindustrie sind natürlich gegen neue Verteilungs-Regulierung. Sie möchten jedoch den Stahlexport (in Halbzeug- und in Maschinengestalt) nicht gern vor den Rüstungswolf werfen. Deshalb befürworten sie gegenwärtig, wie man hört, größere Stahlimporte. Diese Einfuhren sollen in dem Umfange steigen, in dem sich der britische Inlandsverbrauch an Stahl erhöh:, sollen also britische Export-„Verzichte“ überflüssig machen.

Und woher die Einfuhr nehmen? Aus Europa, so lautet die Antwort: Auf dem Kontinent, so schätzt man, sind etwa 10 Mill. t Kapazität entweder noch untätig oder doch erst seit dem Frühherbst, also seit der „Korea-Konjunktur“, wieder in Beschäftigung gekommen. Kürzt England seine Ausfuhr im Interesse der Aufrüstung, so wird ein Teil dieser 10 Mill. t Kapazität ihrerseits für diese „freiwerdende“ britische Ausfuhr einspringen. Wieviel besser, England sichert sich selbst Einfuhren aus Europa für die Rüstungsjahre und sichert seine eigenen Exporte für diese Jahre und – vielleicht noch wichtiger – seine Exportmärkte über diese Jahre hinaus!

Es schwebt den Stahlplanern der britischen Stahlindustrie also wieder einmal ein europäischer Stahl-Pool vor, dessen erste Aufgabe die europäische Versorgung einschließlich der britischen sein würde, während als zweite Aufgabe die Übersee-Exporte unter eine Art von „geregeltem Wettbewerb“ gebracht werden sollen. (Wir sagen bewußt „wieder einmal“, weil jetzt recht offen zugegeben wird, daß schon 1949 derartige Pool-Pläne von britischen Stahlexperten mit Wissen und Mitwirkung amtlicher Stellen bearbeitet wurden, lange bevor der Schuman-Plan in der Öffentlichkeit explodierte.) Ein erheblicher Anteil an diesem „verfügbaren“ Pool-Überschuß entfällt dabei natürlich auf Westdeutschland. Vorsichtige britische Schätzungen, die kürzlich für die OEEC abgegeben wurden, erklären, daß 1951 „nicht mehr als 13,5 Mill. t Rohstahlproduktion“ aus der vorhandenen deutschen Kapazität zu erwarten sei. Es verdient noch erwähnt zu werden, daß diese britischen Stahlstrategen zumindest von der Erz- und Schrottversorgung her das Rohstoffproblem auch für diese Kapazitätsreserve von 10 Mill. t für „europäisch lösbar“ halten – unter einer Voraussetzung Man müßte die Amerikaner überzeugen, daß sie der gemeinsamen Aufrüstung im atlantischen Raum nicht helfen, wenn sie in Europa Erz, Schrott und Halbzeuge zu kaufen trachten. Statt dessen, so meinen britische Fachleute, sollte man den USA (deren Einfuhrbedarf an Stahl man zumindest teilweise für echt hält) den Tip geben, daß sie gewisse Stahl-Spezialsorten aus einem derartigen europäischen Pool beziehen können, wenn sie Europas Rohstoffquellen für die Stahlerzeugung in Ruhe lassen.

Und der Schuman-Plan? Kurz gesagt, es ist den Engländern in diesem Zusammenhang recht gleichgültig, welche Rolle der Schuman-Plan bei dieser Stahl-Poolung für die beginnende Rüstungsperiode spielt. Hier handelt es sich (nach britischer Ansicht) um ein praktisches Problem, in das man jeden arbeitsfähigen Teil des Schuman-Plans ohne Schwierigkeiten einspannen kann. Und dieses praktische Problem interessiert im Augenblick die Engländer, sowohl als Teil der Aufgabengruppe Aufrüstung – Vollbeschäftigung – Export, als auch unter dem weiteren Gesichtspunkt der Kostenkontrolle für alle wichtigen Grundstoffe; ein Problem, das auf der nächsten OEEC-Sitzung in Paris Anfang Dezember im Mittelpunkt stehen dürfte.