Von Karl Wilbe

Berlin, im November

Bei der Eröffnung der Kurse zur Generalschulung seiner Partei hat Wilhelm Pieck in der Karl – Marx – Hochschule eindeutig ausgesprochen: die SED solle eine Partei bolschewistischen Typs werden. In diesem Sinne wird nunmehr der Totalitätsanspruch der bolschewistischen Ideologie durch entscheidende Eingriffe in das geistige Leben verwirklicht. Dazu gehört vor allem, daß alles, was auf pädagogischem, künstlerischem und kulturellem Gebiete geschieht, der bolschewistischen Planung dient. Die „Selbstkritik“ ist dabei ein Mittel, das oft zu grotesken Bekenntnissen herhalten muß. So bezichtigte Johannes R. Becher, der höchstdotierte Literaturfunktionär, sich selbst (vermutlich Literaturhalber), daß seine für den SED-Parteitag geschriebene Hymne „die realistische Verbundenheit mit den Kräften der Partei vermissen lasse“. – Ein Defa-Film, „Die Jungen vom Kranichsee“, der das Junglehrerproblem mit allen kommunistischen Rücksichten behandelt, wurde verworfen, weil er „die fortschrittlichen Energien außer acht lasse“.

Kein Wunder, daß auch das Theater Wolfgang Langhoffs, das noch immer den Namen „Deutsches Theater“ trägt, durch dieses neue ideologische Purgatorium gehen muß. Denn Langhoff, der „Nationalpreisträger“ vom Vorjahr, gilt seit seinem Ausschluß aus allen Parteiämtern trotz aller seiner Anstrengungen nicht mehr als der Präzeptor der „fortschrittlichen Bühne“, als der er noch vor Monaten gefeiert wurde. In den beiden ihm unterstehenden Theatern, die einst die Tradition Max Reinhardts übernehmen wollten, hat er in dieser Spielzeit bisher nur eine Neuinszenierung, Sternheims „1913“ gewagt. Aber er mußte sich sagen lassen, seinen Theatern fehle die Erziehung des Ensembles zu „gesellschaftlicher Verantwortung“. Die zahllosen kommunistischen Gebrauchs- und Laienstücke, die seit Monaten auf den Werkbühnen der volkseigenen Betriebe von „Aktivisten-Kollektivs“ gespielt werden und die nichts anderes sind als dialogisierte politische Rezepte, wurden als ideale Aufgabe für das „fortschrittliche Theater“ bezeichnet. Als Langhoff darauf hinwies, daß seit dem Fortgang so profilierter Darsteller wie Hinz und Bildt die ostzonalen Spitzenbühnen überhaupt keine überragenden Gestalter mehr aufwiesen, wurde er des politischen Defätismus geziehen. Dafür aber besuchten Pieck und die ganze ostzonale Regierung demonstrativ die Aufführung eines Werbestücks für den Fünfjahresplan „Golden fließt der Stahl“, in dem Reden von Pieck und Ulbricht streckenweise zitiert werden. Dies Stück, von einer armseligen Truppe gespielt, wird nun als Pflichtvorführung durch alle Städte. und Dörfer getragen und als Beispiel progressiver Dramatik ausposaunt. Im „Haus der Sowjetkultur“ selbst hat sich die neue Bühne etabliert, deren ausschließlicher Zweck es ist, moderne sowjetische Stücke mit betont ideologischem Gehalt zu servieren. In diese Stücke sollen nun auch die Schüler aller Klassen geschickt werden, und das Ministerium empfiehlt allen Schulleitern, die Jungen und Mädchen an Hand dieser Theatereindrücke Aufsätze schreiben zu lassen, als Kernstücke des Schulwettbewerbs für Piecks Geburtstag im Januar...

Daß schlechthin jedem Zweig des kulturellen Lebens die Zwangsjacke angezogen werden soll, das zeigte auch ein Kurzgeschichten-Wettbewerb, den die „Tägliche Rundschau“ zusammen mit dem Kulturbund und der Literarhistorischen Fakultät der Linden-Universität veranstaltete. Alfred Kantorowicz, der Unter den Linden den literarhistorischen Lehrstuhl innehat, mußte trotz aller Vorsicht, mit der er „Stoffwahl und Inhalt der meisten Beiträge eine ermutigende Lektüre“ nennt, ein erschütterndes literarisches Desastre feststellen. Er resümierte: „Die Gefahr der neuen Literatur in der DDR liegt darin, daß sie Erzählung mit Tagesreportage, verwechselt und daß sie zurück zum Naturalismus statt vorwärts zum sozialistischen Realismus geht.“

Was bei alledem unter sozialistischem Realismus und gesellschaftspolitischer Erziehung verstanden wird, ist klar. Aber vor der Unmöglichkeit, diese Methoden auf deutschem Boden zu praktizieren, wird den Verantwortlichen selbst mehr und mehr bange. Die Klagen über die unzulängliche Durchführung des „Parteischuljahres“, das der Festigung einer linientreuen Gesinnung der zwei Millionen Zwangsmitglieder der SED dienen soll, beherrschen die Sitzungen der höchsten Parteiinstanzen. Es fehlt, wie es in einer scharfen „selbstkritischen“ Empfehlung an alle unteren Parteiorgane heißt, an geeigneten Lehrern, an Räumen, an Schulungsmaterial und – am allermeisten: an willigen Schülern. Nur 10 v. H. der zur Teilnahme aufgerufenen Parteimitglieder sind beispielsweise in Schwerin erschienen, in Magdeburg waren es immerhin 35 v. H. Aus Leipzig wurde die Rekordziffer von 75 v. H. – allerdings erst beim vierten Schulungsabend – gemeldet. Und diese relativ hohe Beteiligung kam erst zustande, nachdem die bislang Uninteressierten hatten erfahren müssen, daß die Teilnahme über ihre künftige Stellung, ihren Beruf und die Sicherheit ihrer Familie entscheide.