Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im November

Zweimal hat Berlin bisher gewählt: Im Jahre 1946 fanden die ersten und einzigen Wahlen unter Viermächtekontrolle statt, 1948 wählte Berlin im Zeichen der Blockade; damals siegte nicht eine Partei, sondern der Westen. Diesmal wird Berlin wählen in seiner Kampfstellung gegen den Osten, die nichts an Schärfe verloren hat; aber es werden auch die Einwohner einer Stadt zur Wahlurne gehen, die seit zwei Jahren wissen, was es bedeutet, politisch und wirtschaftlich eine Insel inmitten der Sowjetzone zu sein. Deshalb hat die Wahl vom 3. Dezember nicht nur Ost-West-Charakter, ihre Bedeutung liegt nicht nur in der selbstverständlichen Entscheidung der Berliner für den Westen, sondern sie ist mehr als die vorige Wahl eine innenpolitische Auseinandersetzung.

„Wenn ich Bundeskanzler wäre, käme ich mit meiner Regierung nach Berlin“, erklärte der Oberbürgermeister Reuter auf einer Wahlkundgebung. Das bedeutet mehr als die entschlossene Haltung, den Kampf gegen den Osten in Berlin fortzusetzen. Was Reuter meint ist dies: Berlin soll nicht mehr nur als Vorposten aufgefaßt werden. Berlin liegt in der Mitte. Berlin soll auch wirtschaftlich aus seiner Isolierung gelöst werden.

Für diesen wirtschaftlichen Standpunkt freilich glaubt die CDU die besseren Trümpfe in der Hand zu haben. Sie argumentiert mit der Behauptung, daß eine SPD-Führung in Berlin den vollen wirtschaftlichen Einsatz – der Bundesrepublik für Berlin verhindert. Die Ausgleichung der Beziehungen zwischen Berlin und der Bundesrepublik nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in sozialer und kultureller Hinsicht (zum Beispiel in der Schulfrage) ist vielleicht das bedeutendste Wahlgespräch, und es liegt auf der Hand, daß die Bonner Regierungsparteien hier mit handfesteren Argumenten auf den Plan treten können als die SPD.

Die Note der einzelnen Berliner werden in großem Maße die Wahlen vom 3. Dezember bestimmen, und deswegen ist es möglich, daß auch der BHE, der zum ersten Male in Berlin kandidiert, einen Wahlerfolg aufweisen wird. Eins aber ist sicher: die anti-östliche Haltung ist bei allen beteiligten Parteien selbstverständlich und nicht mehr ein Privileg der bisher in Berlin im Kampf gegen den Osten bewährtesten Partei, der SPD.