Von einer ehrlichen Hoffnung beseelt, wartet die Jugend Europas auf die erste Fundierung einer intensiven kontinentalen Zusammenarbeit: auf den Frieden zwischen Hamm und Maastricht, Arras und Longwy. Wird die politische Manifestation von Paris schon in Kürze einen starken Impuls und durch dieses ökonomisch-politische Vertragswerk einen kompakten Inhalt bekommen?

Wir bejahen die geistige Konzeption, nicht nur weil Herz und politische Hoffnung mitsprechen, sondern gerade auch, weil Zahlen, Rechnungen, Tabellen und die historische Entwicklung der kontinentalen Partner in Kohle und Eisen unbezwingbar überzeugend sind.

Die Kritiker der Schuman-Plan-Idee sollten sich einmal einen Ahnenpaß, eine „Wachstumskarte“ der westeuropäischen Montanwirtschaften, die zum weitaus größten Teil beiderseits der Stromgebiete von Rhein und Maas liegen, auf das Reißbrett malen und studieren. Sie werden sehen, daß oft nur Zufälligkeiten des Raumes oder der Persönlichkeiten in den drei Generationen vor 1914 die moderne Montanentwicklung gestaltet haben. Sie werden weiter sehen, daß entweder das Erz, das Holz der Wälder oder die Kohle die Standorte bestimmten, daß Unternehmer und Arbeiter gemeinsam jahrzehntelang zwischen Taunus und Ardennen, zwischen Hunsrück und Vogesen, zwischen Minette und Kohle über die staatlichen Grenzen hinweg gewandert sind, und daß diese Freizügigkeit erst 1914 durch den Weltkrieg beendet wurde. In diesen Jahrzehnten aber entwickelte sich, in der großen. Linie gesehen, Westeuropas Montan Wirtschaft nach einer auf natürlichen Gegebenheiten ruhenden Einheitlichkeit, wobei die Ruhr die Brennstoffzentrale und Lothringens Minette der Erzmittelpunkt gewesen sind. Damals modellierten gemeinsame Arbeit der Unternehmerpersönlichkeiten in Frankreich wie in Deutschland, in Belgien wie in Luxemburg – und ihr friedlicher Wettbewerb – Dezennien des Aufbaues. Kapital und Montanleute wechselten über einen kaum 350 Kilometer auseinanderliegenden Raum und schufen nicht nur einen gesamteuropäischen Erfahrungsaustausch, sondern auch wirtschaftliche und finanzielle Verflechtungen zueinander und untereinander.

Die drei Jahrzehnte seit Compiègne waren dann ausgefüllt von politischen Irrtümern. Jetzt erst, 1950, ist die Erkenntnis, daß kein Land in Westeuropa seine eigenen Rohstoffe zur Genüge hat, wieder zum Durchbruch gekommen. Frankreich braucht, trotz der Saar Kohle und Koks von der Ruhr, Deutschland die Erze; Belgien und Luxemburg brauchen beides. Die großräumige Arbeitsteilung zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten erst die Diktate von Versailles und dann die Diktate von Potsdam durchlöchert und so erschwert, daß nur eine große Konzeption wieder Impulse zu einer neuen Entwicklung, das heißt zu einer geschlossenen Zusammenfassung der westeuropäischen Erzeugungsstärken, geben kann. Aber 30 Jahre sind nicht auszuwischen. Im Ruhrgebiet verstärkte sich zwangsläufig in dieser Zeit die vertikale Verflechtung und drängte zu wirtschaftlichen und technischen Weiterentwicklungen. In Frankreich ging man den Weg horizontal gegliederten Gemeinschaften, um Risiken auszuweichen und die Renten zu garantieren. Die politische Abtrennung Lothringens und der Saar aus dem Gefüge des alten Kaiserreiches veranlaßte das Ruhrgebiet zum Ausbau der eigenen Eisenerzbasen, Frankreich zur Intensivierung von Kohlenbergbau und Kokserzeugung, verschüttete den 1913 fast zehn Millionen Tonnen ausmachenden Koks-Erz-Austausch zwischen Ruhr- und Minettegebiet und führte zu gegenteiligen technischen und strukturellen Entwicklungen, die heute das Wiederzusammenfinden erheblich erschweren.

Roheisenerzeugung in Mill. t

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