Der alte Streit, ob Politik die Wirtschaft oder Wirtschaft die Politik beeinflußt, harrt noch immer der Entscheidung und damit im Zusammenhang die Frage, ob Politik auf die Wirtschaft oder Wirtschaft auf die Politik bestimmend einwirken könne. Aus der Geschichte kann der lehrreiche Fall herangezogen werden, daß Goethes und Schillers Verleger, Freiherr Johann von Cotta, am 29. Mai 1829 im Auftrage der Könige von Bayern und Württemberg einen Handelsvertrag abschloß, der die teilweise Vereinigung des süddeutschen und des preußisch-hessischen Zollvereins herbeiführte. Welch entscheidende Umwälzung! Zwischen süddeutschen und einem norddeutschen Staate wurde die Zahlung von Wege- und Brückengeldern, von Zöllen und anderen Abgaben zum ersten Male abgeschafft. Hindernislos konnte der Warenverkehr vollzogen werden. Indem süddeutsche Staaten, eine Zollverbindung mit Preußen eingingen, war die Grundlage des deutschen Zollvereins von 1833 geschaffen, der in weiterer Folge zur politischen Einigung aller deutschen Staaten führte. Hier liegt ein überzeugendes Beispiel dafür vor, daß wirtschaftliche Kooperation umfassend zur Wandlung des politischen Bildes führte, ob zum Heil oder zum Unheil Deutschlands, das soll an dieser Stelle unerörtert bleiben.

Dieser Einzelfall gestattet jedoch, daß man ihn verallgemeinert. Ich bin fest überzeugt, daß jede wirtschaftliche Zusammenarbeit politische Auswirkungen nach sich zieht. Denn von vornherein Ist klar, daß, wie im privaten Leben, Leute, die miteinander Geschäfte machen, sich nicht schlagen, sondern vertragen wollen, daß auch Staaten, zwischen denen enge wirtschaftliche Bindungen bestehen, auf diese in höchstem Maße Bedacht nehmen und alles daransetzen werden, um einen angebahnten Geschäftsverkehr nicht auseinanderfalten zu lassen, sondern tunlichst zu erweitern. Mochten in vergangenen Jahrhunderten Prestige- oder dynastische Fragen Kriege veranlaßt haben, im zwanzigsten Jahrhundert wurden sie ausschließlich durch gegensätzliche wirtschaftliche Interessen herbeigeführt. Die Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand wäre 1914 nicht hinreichend gewesen, um Deutschland zum Kriege zu dringen. Im Hintergrund stand die Furcht vor wirtschaftlicher Einkreisung, wie auch 1939 der Ausbruch einer schweren Wirtschaftskrise unvermeidbar schien, so daß zu dem letzten Ausfluchtsmittel gegriffen wurde, zur Entfesselung des Krieges.

Die Theorie der englischen Utilitarier, der Bentham, Priestley, Ricardo, James Mill, in den zwanziger und dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, wonach die Konkurrenz, selbst die wildeste, die wirkungsvollste Triebfeder für den Fortschritt sei, muß heute als abgetan gelten, da wir ja das Unheil verspüren mußten, das ungezügelte Konkurrenz anrichten kann. Sicherlich bin ich weit entfernt davon, individuelle Betätigung völlig ausschalten zu wollen. Aber gewisse Hemmschuhe müssen ihr angelegt werden, und sosehr ich Gegner jeder gelenkten Wirtschaft bin, weil sie in Autarkie ausartet, so kann ich dennoch nicht übersehen, daß gewisse Kontrollen, gewisse staatliche Überwachungen unvermeidlich sind.

Von solchen Gedanken geht der Robert-Schuman-Plan aus, der die Schaffung zunächst eines Kohle-Eisen-Pools, vorläufig zwischen sechs europäischen Staaten, erstrebt. Weder handelt es sich dabei um Erdrosselung jeder persönlichen Initiative noch um Kartellbildung in verschleierter Form. Bloß darum geht es, zwei der lebenswichtigsten Rohstoffe aneinanderzuschließen, deren Erzeuger in friedlichem Wettbewerb zueinander stehen sollen, ohne einander ins Gehege zu kommen, weil dadurch stets die Gefahr heraufbeschworen werden kann, daß wirtchaftliche Auseinandersetzungen allmählich auf das politische Gebiet übergreifen und sogar letzten Endes den blutigen Zusammenstoß herbeiführen können. Das soll in Zukunft verhütet werden, und darin liegt der ideale Grundgedanke des französischen Poolplanes, dem, sobald er ins Leben getreten sein wird, bindende Abmachungen in anderen wirtschaftlichen Sphären folgen sollen, wie der der elektrischen Krafterzeugung, der Farbstoffe, des Holzes und so weiter.

Nun läßt sich freilich der Einwand erheben, daß Erfahrungen aus der Vergangenheit lehren, wirtschaftliche Bindungen seien nicht ausreichend gewesen, um Kampfhandlungen zu verhüten, Nach der Unterzeichnung des Locarno-Paktes wurden nicht weniger als 99 deutsch-französische industrielle Abmachungen getroffen, darunter Aber Spiegelglas, Samte, Eisenbahnschienen, Eisenträger, Farbstoffe, pharmazeutische Produkte und vieles andere. Keine dieser Abmachungen erwies sich als dauernd tragfähig. Nach kurzfristigem Bestände wurden alle, mit Ausnahme des Kaliabkommens, aufgekündigt. Keine der industriellen Bindungen war also stark genug, sich politisch auszuwirken und in weiterer Folge die Aufrechterhaltung des Friedens zu sichern.

Dennoch wäre es völlig abwegig, eine Parallele berzustellen zwischen dem, was vor rund einem Vierteljahrhundert versucht worden war, und was heute angestrebt wird. Damals handelte es sich um rein private Vereinbarungen ohne jede staatliche Einflußnahme oder Kontrolle. Bloß Deutsche und Franzosen schlossen Verträge ab über Preisbildung und Erzeugungsmengen, und nur beim Kali einigte man sich über die Absatzverteilung. Fabrikationsgeheimnisse behielt sich jede! Vertragspartner vor, was das rasche Auseinanderfallen der Vereinbarungen zwischen I. G. Farben und Kühlmann verursachte. Ein schweres Gebrechen, an dem alle Abmachungen litten, war, daß die Deutschen und die Fianzosen sich nicht zur Wahl von Verwaltungsräten entschlossen, in denen Vertreter der anderen Nation Sitz und Stimme gehabt hätten, so daß die Verwaltungsräte rein national zusammengesetzt waren. Es bestand also keine vollkommene Interessenverflechtung, sondern nur eine oberflächliche. Zu nichts anderem hatte man sich verpflichtet, als nicht in die Interessensphäre des Kollegen im anderen Lande einzugreifen. Nur um eines war man bekümmert: sich ein genau umgrenztes Betätigungsfeld zu wahren. Nationaler Egoismus blieb vorherrschend. Man versprach, sich gegenseitig nicht zu stören, sich keine Konkurrenz zu machen.

Alles wäre anders geworden, wenn man sich verpflichtet hätte, in vollem Einvernehmen, mit offenen Karten, ohne Hinterhalte und Hintergedanken miteinander zu arbeiten, wenn man sich geeinigt hätte, eventuelle neue Erfindungen gemeinsam zu studieren und auszuprobieren, dem Fabrikanten im anderen Lande vollkommenen Einblick in die eigenen Laboratorien zu gewähren. Von einem Pool war also keine Rede, und der jetzt zur Beratung stehende bedeutet einen wesentlichen Schritt nach vorwärts. Ihm genügt es nicht bloß, die geldlichen Interessen der Teilnehmer zu verknüpfen, er soll sie zu vollkommener und uneingeschränkter Zusammenarbeit anhalten, nicht in ihrem persönlichen Interesse, sondern in dem höheren der Volksgemeinschaft.