Dies ist die Geschichte eines singenden Kammerdieners, dessen nächtliche Beschäftigung den Außenministern zweier Großmächte Kopfzerbrechen bereitete, der Bevin peinliche Minuten im Unterhaus bescherte und Ribbentrop über eine Million Dollar kostete. Dies ist die moderne Geschichte von den betrogenen Betrügern, in der bis heute stets alle Beteiligten glaubten, alles zu wissen, obgleich sie noch viel wissen müssen, bevor sie nur ein Zehntel wüßten. Es ist die größte und vielleicht primitivste Spionageaffäre des zweiten Weltkrieges: der Fall Cicero – und was dahintersteckte ...

Sir Hughe Knatchbull – Hugesson, seinerzeit britischer Botschafter in Ankara, bezeichnet die ganze Affäre lakonisch als poppicock, als Quatsch. Verständlich, denn wie könnte ein Botschafter Seiner Britischen Majestät zugeben, daß sein Kammerdiener nachts in aller Ruhe den Inhalt des persönlichen Tresors seiner Exzellenz photokopierte und an die Nazis verkaufte. Ein anderer aber nahm ihm das Geständnis ab, und wahrlich kein Geringerer: Vor wenigen Wochen mußte Großbritanniens Außenminister Ernest Bevin vor dem Parlament gestehen, daß die Deutschen im Krieg bereits alle Einzelheiten der Konferenzen von Teheran und Jalta und „noch viel mehr“ erfahren hätten. „Eine Unvorsichtigkeit des damaligen britischen Botschafters in Ankara, Sir Hughe Knatchbull-Hugesson ...“, so sprach Außenminister Bevin, und das ehrwürdige Haus hörte ihn voll stummen Staunens an. Der Fall Cicero ist also nicht nur poppicock. Er ist wahrhaftig wahr.

„Es steht fest, daß nur eine Person den Fall Cicero in der vorliegenden Form schreiben konnte: der Autor.“ Mit diesen Worten schließt die deutsche „Quadriga- Verlags-GmbH.“ ihr Vorwort zum Buche „Der Fall Cicero“. Wer ist dieser Autor? L. C. Moyzisch, so steht es in unscheinbaren Lettern auf dem Umschlag. „Ich war Attaché in der Deutschen Botschaft“, schreibt er über sich selbst. „Er war der getarnte Vertreter von Himmlers SD in Ankara“, so enthüllten es die britischen Diplomaten Harald Nicoisen und Fitzroy Macclean im Observer und im Daily Mirror.

Sie alle haben bis zu einem gewissen Grade recht, Sir Hughe und Ernest Bevin, die Quadriga-Verlags-GmbH. und Harald Nicolsen, Herr Moyzisch und Mr. Macclean. Denn sie alle sagen, was sie wissen. Nur – niemand von ihnen kennt die ganze Wahrheit.

Dies ist es, was L. C. Moyzisch in seinen in Amerika und London, in Saarbrücken, der Schweiz und Deutschland erscheinenden Veröffentlichungen mitteilt:

In der Nacht des 26. Oktober 1943 tauchte im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Dunkel des Gartens der Deutschen Botschaft in Ankara ein Mann bei Moyzisch auf. Für die phantastische Summe von 20 000 englischen Pfund bietet er zwei Leica-Filme mit Dokumenten aus dem Tresor des britischen Botschafters an. Für je 15 000 Pfund will er einen weiteren Film liefern. Seinen Namen nennt er nicht. Etwa 50 Jahre mag er alt sein. Moyzisch, der natürlich nicht selbständig handeln kann, bittet um Bedenkzeit. Die Unterredung ist zu Ende. „Ich stand nun an der offenen Tür“, so heißt es wörtlich bei Moyzisch, „um ihn an mir vorbeizulassen. Da kam er auf mich zu, faßte mich am Rockärmel und neigte sich zu meinem Ohr. ‚Sie wollten doch vorher wissen, wer ich bin? Ich bin – der Kammerdiener des englischen Botschafters.‘ Ohne die Wirkung seiner Worte abzuwarten, trat er durch die Tür in die nunmehr finstere Diele hiraus. Dann hatte ihn die Dunkelheit verschlungen.“

Moyzisch berichtete seinem Botschafter, Herrn von Papen, und Herr von Papen berichtete seinem Chef Ribbentrop. Drei Tage später traf aus Berlin die Antwort ein: „An den Botschafter von Papen persönlich. Geheime Reichssache. Auf Angebot englischen Kammerdieners eingehen unter Beobachtung größter Vorsicht. Sonderkurier eintrifft Ankara 30. vormittags. Erwarte sofortigen Bericht nach Übergabe der Dokumente. Ribbentrop.“

Die Würfel waren gefallen. Schon die erste Lieferung war eine Sensation: 52 Dokumente der britischen Diplomatie, die alle den Vermerk most secret tragen. „Seine Dokumente sprechen eine so vorzügliche Sprache“, meint trocken Botschafter von Papen zu seinem SD-Attaché nach der ersten flüchtigen Untersuchung, „nennen wir ihn – Cicero.“